Von Gabriele Venzky

Swami Agnivesh ist ein Mann, der kaum zu übersehen ist. Der indische Parlamentsabgeordnete trägt stets die heilige Farbe der Hindus, ein leuchtendes Orange, dazu einen Turban in der gleichen Farbe. Viele seiner Anhänger halten ihn für einen Heiligen. Der Swami, der ein winziges, mit Büchern vollgestopftes Einfachstbüro in Neu-Delhi hat, weist eine solche Ehre bescheiden zurück: „Ich versuche nur, ihnen zu ihren verfassungsmäßigen Rechten zu verhelfen.“ Sie, das sind die etwa fünfzig Millionen Menschen in Indien, die von skrupellosen Großgrundbesitzern und Geldverleihern in einer sklavenähnlichen Schuldenknechtschaft gehalten werden. Swami Agnivesh führt einen Feldzug, um sie zu befreien. Aber nicht nur für diese Menschen setzt er sich ein. „Wir haben hier 55 Millionen Kinder, die länger als zwölf Stunden am Tag arbeiten“, sagt er. „Die sind genauso versklavt. Diese Kinder gehören in die Schule“, fordert er. „Aber der Staat will nichts hören.“

Der Staat hört schon, wenn auch längst nicht genug. Kürzlich hat er den Haushalt für Bildung und Erziehung auf knapp sechs Milliarden Mark im Jahr erhöht. Gleichzeitig freilich erhöhte Indiens Finanzminister Manmohan Singh den Verteidigungshaushalt um zwanzig Prozent auf 12,5 Milliarden Mark. Über die Hälfte aller Inder und zwei Drittel aller indischen Frauen können nicht lesen und schreiben. Zur Jahrtausendwende wird jeder zweite Analphabet auf der Welt ein Inder sein. „Eine Schande“, sagt Swami Agnivesh.

Gewiß, der Haushalt, den der Finanzminister vor kurzem vorlegte und der mit einer Spannung erwartet worden war wie noch kein anderer zuvor, weil von ihm das Schicksal ganzer künftiger Generationen abhängt, dieser Haushalt läßt keinen Zweifel daran, daß an Indiens drastischen Wirtschaftsreformen nicht mehr gerüttelt wird. Das Land öffnet sich weiter für mehr Wettbewerb und mehr Liberalisierung.

Manmohan Singh setzt auf Wachstum und hofft auf mehr Arbeitsplätze. „Wir betrachten Deutschland als den Führer und Schrittmacher in Europa, und es ist uns sehr daran gelegen, daß die Deutschen das Potential, das Indien darstellt, nicht ignorieren. Wir haben jetzt den Rahmen für den Aufschwung geschaffen. Es gibt nichts, was unsere Leute nicht schaffen können.“ Wenn sie denn ihre Talente entfalten dürfen. Die etwa zehn Millionen Auslandsinder haben gezeigt, was in diesem Volk steckt: Als erfolgreiche Unternehmer, Händler oder Softwarespezialisten erzielen sie Umsätze, von denen die Daheimgebliebenen nur träumen können. Manmohan Singh hofft, daß das Beispiel in Indien selbst Schule macht, jetzt, da er die Wirtschaft Schritt um Schritt von den Fesseln der sozialistischen Kommandowirtschaft befreit, die lange jeglichen Fortschritt zunichte machte.

Indien, die sechstgrößte Wirtschaftsnation der Welt, wenn man von der Kaufkraft der Rupie und nicht von einem unrealistischen Wechselkurs ausgeht, ist entschlossen, sich nicht nur der globalen Ökonomie zu öffnen, sondern sich auch einen der vordersten Plätze zu erkämpfen. Der diesjährige Haushalt signalisiert deshalb: Handel und Industrie werden weiter liberalisiert. Im einzelnen: Einfuhrzölle werden von 85 auf 65, bei Stahl gar auf 50 Prozent gesenkt, die Körperschaftssteuer auf 40 Prozent reduziert, die Rupie in den Bereich der vollen Konvertibilität gerückt und die inländischen Zinsen von 15 auf 14 Prozent vermindert. All das soll das Wirtschaftswachstum fördern, das mit 3,8 Prozent im vergangenen Jahr noch zu bescheiden war, um das Land einen großen Schritt voranzubringen. Erst im nächsten Jahr rechnet Singh mit 6 bis 8 Prozent Wachstum. Um 8 Prozent zu erreichen, braucht er aber ausländische Investitionen, die bisher nur spärlich ins Land fließen, nach Ansicht vieler Inder dazu vornehmlich in unproduktive konsumnahe Bereiche.

Tatsächlich sind die McDonald’s, Benettons und Coca-Colas überall so sichtbar, daß der Widerstand bei dem sogenannten Mann auf der Straße gegen die Reformen wächst. 3000 Demonstranten wurden vor der Verlesung des Budgets ins Gefängnis geschafft, nachdem sie versucht hatten, die Bannmeile um das Parlament zu durchbrechen. Denn während die immer größer werdende Mittelschicht von etwa 150 bis 200 Millionen Indern beginnt, westlichen Konsumfreuden zu frönen, müssen vor allem die kleinen Leute mit den Kosten dieser schwierigen Übergangsphase zurechtkommen: Reis, Mehl, Zucker, Gas und Benzin, all das ist drastisch teurer geworden, und die Ungeduld wächst, weil die wirtschaftliche Radikalkur, die vor zweieinhalb Jahren begann, viel langsamer vorangeht als erwartet.