Die schöne Poldi, das ist jenes hübsche angesengte Lockenköpfchen. Das ist der Ort, wo die jungen Männer im Feuerofen brutzeln und alles aufs Leben setzen, sobald sie wieder wohlauf sind. Die schöne Poldi, das ist auch der Weg an brammenbeladenen Mulden, am schwarzen Teich vorbei zum Frauenlager, wo die schöne Mörderin im Bade die jungen Männer an den Astlöchern mit den Schattenspielen ihres Körpers becirct. Auch den Herrn Kafka, dem die schönen Heidelbeernächte die Leber mit Morgendämmer und Erinnerungen füllen.

Wo so viel dunkle Schönheit ist und so viel süßes Leid, da ist Hrabal "Die schöne Poldi", so lautet das Schlußkapitel von Bohumil Hrabals soeben auf deutsch erschienenem Roman "Verkaufe Haus, in dein ich nicht mehr wohnen will", eine Apotheose auf die Poldi Hütte in Kladno, wo Hrabal gleich nach der kommunistischen Machtergreifung einige "superschöne" Jahre als Hilfsarbeiter verbrachte, zusammen mit anderen schwer erziehbaren Freigeistern. Denn im Arbeiter und Bauernstaät galt es bezeichnenderweise als Strafe, zu den Arbeitern und Bauern gesteckt zu werden, wofür sich mancher mit Satiren rächte.

Nicht so Hrabal. Er meldete sich zur Stahlhütte aus freien Stücken, aus Tatendurst, aus "Appetit auf Kalium, Phosphor, Stickstoff". Noch heute, nach über vierzig Jahren, denkt er voll Wehmut an jene Zeit seiner "wahren Universität" zurück, als er "im Herzen von Hieronymus Boschs BäPdern" lebte, an der Seite tüchtiger Kumpel Schrott und Stahl verwandelte und auch sich selbst (Erschienen sind Erinnerungen und Selbstbefragungen Hrabals im schönen Suhrkamp Erzählband vom Vorjahr: "Leben; ohneSmokingfo)i x , >: Wie Hesiod das harte einfache "Leben preist, das uns einzig noch ein Stückchen vom verlorenen Paradies zurückgeben kann, so besingt Hrabal die Helden der Arbeit, die den Schutzengel mit dem angesengten Lockenköpfchen, das Maskottchen über dem Werktor und damit die schöne Poldi, dringend brauchen, denn die Welt ist voller Dämonen. Immerzu schnappt irgendwo die Falle zu, schnellt der glühende Draht hoch, legt sich wie eine Schlange dem Brigademann um den Hals und "zwingt ihn, den Kameraden einen Tanz vorzuführen und Variationen auf die Laokoongruppe "

Hrabal preist dies alles getreu seinem alten böhmischen Hexenglauben, daß Unglück Glück bringt, daß, was krumm ist, durch einen glücklichen Unfall wieder gerade werden kann. Er preist dies als ein Getreuer seines Lieblingsautors Ladislav Klima, für den der Sieg nur aus Schlägen besteht. Er preist dies, weil er weiß, daß der Mensch sich stets danach sehnt, "sich auf eigene Kosten kopfüber ins Unglück zu stürzen". Weil er weiß, daß die Mächte des Lichts und der Finsternis die Welt in schönem Parteienproporz unter sich aufgeteilt haben und daß die beiden Flügel des Triptychons, Himmel und Hölle, also die Schwingen ein- und desselben Engels sind.

Hrabals Heldenepos ist also kein realsozialistischer Schmus. Der zum Rühmen Bestellte rühmt hier auf eigene Bestellung - und Rechnung. Dafür sorgt schon "der Herr Kafka", der Ich Erzähler, dessen Name gleich klarmacht, mit welchem Geist man sich hier im Bedarfsfalle anzulegen hat. Schon im ersten Kapitel hält der Herr Kafka dem diensttuenden Wachmann auf dem Altstädter Ring eine Predigt, die es in sich hat: denn frei sein, das ist Freude . Verstehen Sie? Alle sind wir Brüder, rart pour 1art Brüder, schön wie die entartete Kunst. Begreifen Sie? Ohne Riß im Gehirn kann man nicht leben. Läßt sich der Mensch nicht von der Freiheit entlausen " Der Wachtmeister droht ihm "Lärmgeld" an, was Hrabal dann auch schon bald, nach 1968 - wie viele andere - reichlich zu zahlen hat: in Schweigemünzen.

Das erste Kapitel des Romans, "Kafkarien", ist ein einziger Lobgesang auf die Freiheit. Eine surreal beschwipste Harlekinade, eine humoreske Hommage an die magische Stadt Prag und ihre oberste Lokalgottheit "Der Herr Kafka" ist hier ein lausiger Kommis in einer Spielwarenhandlung, wo er Schneehäschen, Souvenirkapellchen, Generälchen und die ganze Einrichtung der Welt en miniature abzuzählen und zu inventarisieren hat. Ansonsten streunt er durch die Goldene Stadt, läßt sich an der Imbißbude der Franziska Kafkova von einem "praktischen" Philosophen eine Wurst spendieren und von der Alten beschwatzen, ihr seine Asche dereinst zu vermachen, damit sie ihre Bestecke damit putzen könne und "damit was Prächtiges mit Ihnen geschieht "

Hrabals Prager Nachtluft ist "von Schlacke . von Schrauben und Muttern" erfüllt. Wie Bunuel - ein Mitglied derselben Koboldsippe - in seinem Film "Viridiana" die Bettlerhorde Leonardos Abendmahlstafel verhöhnen und plündernd nachstellen läßt, so hausen hier die Sozialismus simulierenden Proleten in Kafkas Stadt! Das geweitete Argusauge Salvador Dalis blickt über seine Schnurrbarthaare sardonisch darauf hinab, wie die Klippschüler der siegreichen Klassen ihre Schildbürgerstreiche vollführen, die alten Heldenstatuen mit Salzsäure übergießen und den Christussen am Kreuz die bourgeoise Haut abziehen, um aus der Schmelzmasse ihre eigenen Kraftprotze zu schmieden. Doch damit sind wir schon tief im Innern des Romans.