Von Daniel Haufler

Die rote Fahne der SED-Betriebsgruppe ist eingerollt und steht in der dunkelsten Ecke des Archives. Davor türmen sich Presseordner in langen Stahlregalen, in Panzerschränken lagern Briefe, die der Aufbau-Verlag in fast fünfzig Jahren mit seinen Autoren wechselte – so mit Arnold Zweig, Heinrich Mann, Nelly Sachs, Oskar Maria Graf und Peter Huchel. Tausende von Belegexemplaren stapeln sich bis zur Decke der hohen Halle, in der sich vor dem Krieg die Schalter einer Bank befanden.

Zwischen den Büchertürmen hat ein Photograph sein Atelier eingerichtet, das noch ein Provisorium ist. Denn als der Millionär Bernd P. Lunkewitz die Aufbau-Verlagsgruppe – mit Rütten & Loening und Aufbau Taschenbuch – übernahm, stellte er überrascht fest: "Ich hatte ein großes Lektorat gekauft, kleine Herstellungsarbeiten angeschlossen." Marketing und Öffentlichkeitsarbeit fehlten – wie bei allen ostdeutschen Verlagen. Um mit den westdeutschen Verlagen zu konkurrieren, hat Lunkewitz dieses Manko zügig behoben und zudem sechs Buchhandelsvertreter eingestellt, die exklusiv für Aufbau reisen. Jetzt werden die Aufbau-Bücher immerhin in 2000 von über 4000 deutschen Buchhandlungen angeboten. Wenn der Verlag überleben will, müssen seine Bücher jedoch mindestens in 2500 Läden angeboten werden – das besagt eine ungeschriebene Branchenregel. Erste Erfolge kann Aufbau schon verbuchen: Christoph Hein und Erwin Strittmatter, Robert Merle und Hermann Kant rangieren auf den Bestsellerlisten weit oben – zumindest im Osten. Gesamtdeutsche Listen existieren bisher nicht.

Aufbau-Programmchef Gotthard Erler residiert in einem zwölf Quadratmeter großen Büro, in das außer seinem Schreibtisch nur Regale und ein Ölbild (Anna Seghers) passen. Frohgemut zählt er seine Projekte auf: die große Brandenburger Fontane-Ausgabe und die Tagebücher von Victor Klemperer aus der NS-Zeit; außerdem verdiente es Johannes R. Becher, als Dichter neu entdeckt zu werden, ebenso Ludwig Renn. Auch eine neue Werkausgabe von Anna Seghers wäre fällig. Erlers Elan wirkt jedoch etwas gelähmt durch die Prozesse, die Aufbau um die Rechte am Werk Heinrich Manns, Carl von Ossietzkys und Hans Falladas führt. Dazu kommt eine DDR-Altlast – die "Plusauflagen": Aufbau hat wie andere ostdeutsche Verlage, heimlich und auf Anweisung des Ministeriums für Kultur, weit mehr Bücher von westdeutschen Lizenzausgaben gedruckt und verkauft, als vereinbart – die Lizenzhonorare wurden an das Ministerium überwiesen, um dann anscheinend in den Parteikassen der SED zu verschwinden. Die Lizenzgeber gingen leer aus. Nun fordern Rowohlt, Suhrkamp und S. Fischer ihr und ihrer Autoren Geld. Doch: Wer soll zahlen? Die früheren Vertragspartner waren SED-Verlage und sind heute unabhängige GmbHs. Das SED-Vermögen hingegen verwaltet die Treuhand, die zu diesem Streit erwartungsgemäß schweigt. Da sich die west-östlichen Kontrahenten nicht einigen konnten, wie und wieviel von wem an wen gezahlt werden muß, wurden die Gerichte bemüht. Nächster Gerichtstermin für Aufbau ist am 22. März in Berlin.

Ebenso betroffen von der "Plusauflagen"-Affäre ist der einst zweitwichtigste Verlag der DDR: Volk und Welt. Dort erschien die internationale Literatur aus Ost und West, von Grass über Borges, Chandler, Trifonow bis zu Ilja Ehrenburg. Allein 50 Lektoren edierten und übersetzten in der Glinkastraße unweit der Berliner Mauer. Mittlerweile ist die Belegschaft von 130 auf 14 Mitarbeiter geschrumpft. Anders als Aufbau hat Volk und Welt keinen reichen Käufer gefunden, der das Unternehmen zumindest vorübergehend absichert. Der Verlag gehört seinen Mitarbeitern und einem Förderkreis von Autoren, zu denen Adolf Muschg, Günter Grass und Rolf Hochhuth zählen sowie als Leiter Fritz J. Raddatz, der hier bis 1958 selbst Bücher lektorierte. Die Förderer beraten den Verlag vor allem beim Programm: So empfahl Adolf Muschg die brisante Feindbild-Analyse von Jean-Christophe Rutin, die sich mehr als 10 000mal verkaufte, und Hochhuth gab seine "Wessis in Weimar" an den Verlag, der mehr als 20 000 Exemplare davon absetzte.

Verleger Dietrich Simon strahlt Optimismus aus: Trotz der schwierigen Ausgangslage will er die ambitionierte Bulgakow-Werkausgabe fortsetzen, eine dreibändige Ausgabe des großen russischen Lyrikers Sergej Jessenin soll folgen. Schwarze Zahlen erhofft sich Simon von den Thrillern des Engländers Lionel Davidson und einer Satire des Kabarettisten Dieter Hildebrandt, die auch westdeutsche Leser auf den Verlag aufmerksam machen sollen. "Das Volk-und-Welt-Programm ist interessant", beschied jüngst auch der Bundespräsident, als er den Verlag besuchte. Nur fehlt es an Kapital – und ein Investor wird weiterhin gesucht.

Mehr noch als Volk und Welt muß der renommierte Leipziger Kiepenheuer Verlag um seine Zukunft bangen – besonders nachdem die Treuhand ein vielversprechendes Management-Buy-Out im letzten Jahr kippte. Seither konnte anscheinend kein neuer Käufer gefunden werden. Immerhin gelang es der treuhänderischen Pressestelle, festzustellen, daß über die Privatisierung verhandelt und ein Vertrag bald geschlossen werde. Nur: Das hatte die Treuhand vor über einem Jahr schon einmal behauptet. Gewiß ist aber eines: Bis Ende 1994 muß entschieden werden, dann löst sich die Treuhand auf. Bis dahin sind bei Kiepenheuer langfristige Planungen unmöglich, und zwar für Programm und Personal. Trotzdem versucht Verleger Friedemann Berger mit Langmut, seine Arbeit fortzusetzen: von William L. Shirer wird der zweite Band der Tagebücher erscheinen und von François Weyergans der mit dem Prix Renaudot ausgezeichnete Roman "Boxer-Wahnsinn". Etwas deplaciert in Bergers anspruchsvollem Programm wirken die Memoiren einer "afrikanischen Prinzessin", die erst Photomodell war und dann UN-Botschafterin von Idi Amin. Aber auch Kiepenheuer hofft wahrscheinlich, seine ambitionierten Bücher als Beiwerk solcher Reißer in mehr als den bisher erreichten tausend Buchhandlungen unterzubringen.