Von Helmut Dubiel

Der Zusammenbruch des italienischen Parteiensystems bietet zur Zeit den eindringlichsten Anschauungsunterricht für eine umfassende, keineswegs nur die Linke allein betreffende Verschiebung der politischen Geographie. Der alte Kompaß versagt schon seit langem, und das ist vielleicht die tiefste Ursache für: die nationalistische Re-Orientierung des europäischen Konservatismus, die Spannungen zwischen libertären und wirtschaftsliberalen Strömungen des Liberalismus, die wechselnden Fronten zwischen Modernisierern und Traditionalisten innerhalb der Sozialdemokratie, die vielfältigen Neugründungen von Protestparteien.

Die politische Richtungsskala von „rechts“, „Mitte“, „links“ geht bekanntlich auf die Sitzordnung der Pariser Nationalversammlung zurück. Die philosophisch konstruierte Mechanik dieser Unterscheidung beruhte auf der Idee des Fortschritts in der bürgerlichen Gesellschaft. In grober Vereinfachung: Konservative verteidigten die Restbestände der vorbürgerlichen Welt in der Kultur, Politik und Wirtschaftsform der etablierten bürgerlichen Gesellschaft. Sozialisten waren von der Idee geleitet, daß nur in einer nachbürgerlichen Wirtschaftsordnung die humanistischen Versprechen der bürgerlichen Revolution eingelöst werden könnten. Einzig die Liberalen standen auf dem Boden der bürgerlichen Rechts- und Wirtschaftsordnung. Aber alle politischen Richtungstraditionen orientierten sich – bejahend oder verneinend – an einem Fortschrittsverständnis, das bezogen war auf die immer perfektere Kontrolle der natürlichen und sozialen Welt.

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben schon vor der Mitte des 20. Jahrhunderts registriert, daß dieser Fortschritt zum Opfer einer „Dialektik“, einer eigentümlichen Verkehrung der ursprünglichen Absichten geworden ist. Das großartige Vorhaben der Aufklärung, die menschlichen Verhältnisse rein auf der Vernunft zu begründen, schlug um in eine historisch neuartige, schwer begreifliche Form von Herrschaft. Sie war so unbegreiflich, weil die modernen Verhältnisse selbst unter dem Banner von technischer Rationalität und sozialer Befreiung angetreten waren. So erwuchs aus dem vernünftigen Vorhaben der Abschaffung ständischer Vorrechte eine die Gesellschaft durchdringende Verwertungsrationalität. Der industrielle Ausbau der Wirtschaft hat längst begonnen, die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen zu zerstören. Die moderne Wissenschaft und Technik sind längst zu Zauberlehrlingen geworden, die sich aller ethischen und politischen Kontrolle beharrlich entwinden.

Kurzum: Die Aufklärung führte nicht zu einem öffentlichen Nachdenken über die Zwecke, die eine befreite Menschheit sich setzen will. Sie hat vielmehr – wie Horkheimer und Adorno eindringlich darlegen – einer „zweiten Natur“ den Weg bereitet, in der sich der moderne Mensch angstvoll und orientierungsunsicher bewegt. Die der Aufklärung selbst entsprungenen bürgerlichen und sozialistischen Utopien wollten durch die Produktion und pädagogische Verbreitung wissenschaftlichen Wissens Politik in Verwaltung und freie Selbsttätigkeit auflösen: Heute, am Ende des 20. Jahrhunderts aber ist Ungewißheit, genauer: der öffentliche Umgang mit Ungewißheit, zum eigentlichen Inhalt der Politik geworden.

Im Übergang zum 21. Jahrhundert wird der Kompaß zur Orientierung im politischen Raum neu justiert. Meine Behauptung ist nun, daß an die Stelle der Idee des Fortschritts, an der sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die politischen Lager entzweiten, heute das Bewußtsein von Ungewißheit getreten ist. Ungewißheit kann in politischen Zusammenhängen viele Formen annehmen. Sie tritt zunächst zutage in der dramatischen Enttäuschung aller metaphysischen Bilder, die sich die Weltanschauungsparteien von der Gunst der geschichtlichen Entwicklung machten. Das Gefühl von Ungewißheit wird erzeugt durch eine großtechnische Zivilisation, die die Menschen nie gewohnten Gefährdungen aussetzt. Ungewißheit entsteht in der Folge jener beharrlichen Erosion von Solidarität und Sinn, die der privaten Existenz wie dem politischen Geschäft für Jahrhunderte eine naturwüchsige Stabilität gegeben hatten. Und dieses Geschäft wird seinerseits mit neuen Ungewißheiten belastet, wenn Menschen massenhaft in neue Scheingewißheiten wie Fundamentalismus, Nationalismus und Rassismus flüchten.

An vier Bereichen will ich demonstrieren, wie sich der politische Raum angesichts von Ungewißheit neu polarisiert. Aus Treue zu einer alten Schematik halte ich dabei an der Rechts-links-Unterscheidung fest, ohne freilich suggerieren zu wollen, daß es zwischen linken und rechten Positionen des späten 18. und des frühen 21. Jahrhunderts einen einfachen Zusammenhang gäbe. Die vorbürgerliche Welt, an deren Konservierung der alte Konservatismus arbeitet, hat sich historisch ohnehin aufgelöst. Das optimistische Vertrauen in die industrielle Entwicklung ist auf dem politischen Spektrum nach rechts gewandert. Und bei der Linken ist an die Stelle des Fortschrittsvertrauens längst der Kampf um die Bewahrung ziviler und natürlicher Bestände getreten.