Von Ulrich Wünsch

Das Knarren und Knarzen schwerer eisenberingter Wagenräder dringt aus versteckten Lautsprechern, Ochsen brüllen, Pfiffe gellen. Wieder hat sich der Wagentreck im National Historie Oregon Trail Interpretative Center wohl um einige schwer erkämpfte Yards weiterbewegt. In der Nähe von Baker City, auf dem Flagstaff Hill an der östlichen Grenze des US-Bundesstaates Oregon, liegt das ansprechend und didaktisch sinnvoll gestaltete Museum. Planwagen, Pferde, Menschen und Tiere sind in langer Reihe lebensgroß aufgebaut, lehrreiche Filme lassen aus den Tagebüchern der Pioniere den Geist und Ungeist der Zeit entstehen, Exponate veranschaulichen das beschwerliche Leben auf dieser Reise. Bei manchen Trecks starb einer von zehn derer, die sich in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ins Gelobte Land aufgemacht hatten. Hunger, Durst, Stürme, Regen, Hitze und zwanzig hart zu erkämpfende Meilen pro Tag machten den Trip zur Hölle. Allerdings, wer damals vom „Oregon-Fieber“ gepackt war, wie die offizielle Bezeichnung für den um 1843 ausbrechenden Wanderdrang lautete, dem machte das alles nichts aus. Verschiedene Gründe werden für diese Besessenheit angeführt: Wirtschaftsrezession; fallende Getreidepreise; Epidemien im Osten; Gottes Wille, daß sich die USA von Küste zu Küste erstrecken mögen; Gier; Abenteuerlust.

Mit Oregon bezeichnete man einst ein Gebiet, das sich von Alaska bis Kalifornien und vom Pazifik bis zu den Rocky Mountains erstreckte. Es war eines der letzten Territorien in Nordamerika, das sich dem weißen Mann noch öffnen mußte. Am Rande des sogenannten Großen Beckens, das sein Zentrum bildete, war seit 1780 die englische Hudson Bay Company vertreten, eifrig bemüht, ihren Reichtum zu mehren. Es siedelte angeblich niemand dort – außer den indianischen Ureinwohnern. Das sollte nach dem Willen der amerikanischen Regierung nicht so bleiben. Sie proklamierte und unterstützte die Trecks gen Westen. In knapp dreißig Jahren benutzten circa 350 000 Menschen den Oregon Trail als relativ sichere und zumindest bekannte Route durch den Wilden Westen bis hin zum verheißenen Paradies am Pazifik. Nicht nur der heutige Staat Oregon war das Ziel der Auswanderer, sondern ebenso das Gebiet der jetzigen Staaten Kalifornien, Nevada und Utah. Im fruchtbaren Tal des Willamette River, dem Zentrum Oregons, blieben davon schließlich 50 000. Bis zu zwei Meter tiefe Wagenspuren haben sich als Hinterlassenschaft in der Nähe des Museums in den Boden eingegraben. Der Slogan „Westward ho!“, mit dem man zum ersten Mal die Zugochsen im Joch anstachelte, muß magische Wirkung gehabt haben. Im Jahr 1850 legte die Regierung der Vereinigten Staaten in einer Landschenkungsakte fest, daß jeder erwachsene US-Bürger 320 Morgen Land im Oregon-Territorium erhalten könnte. Die dort ansässigen Ureinwohner wurden überrannt. Häuptling Joseph trat mit seinen Nez Percé den Rückzug aus Oregon nach Kanada an. Häuptling Seattle hinterließ der Welt eine nach ihm benannte Stadt. Im Jahr 1846 war die Grenze zum englischen Territorium, dem späteren Kanada, schnurgerade entlang dem 49. Breitengrad gezogen und bald darauf das verbliebene Gebiet in die Staaten Oregon und Washington unterteilt worden.

Innerhalb der Grenzen Oregons leben knapp drei Millionen Einwohner und die hauptsächlich im fruchtbaren Willamette Valley nahe der Küste. Ansonsten: paradiesische Einsamkeit und Holzindustrie. Der Südosten Oregons gilt auch heute noch als eine der am dünnsten besiedelten Gegenden der USA. Auf dürftiger Steppe treiben sich dort die letzten freien Mustangherden herum – wenn sie nicht gerade als Statisten beim Film im Einsatz sind.

Rancher John Gardener, der Bed & Breakfast in Dayville westlich von Baker City anbietet, ist mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern aus Südkalifornien in diesen menschenleeren Landstrich gezogen. Hier, wo sich Klapperschlange und Adler gute Nacht sagen und wo jenseits des Horizonts das Nichts beginnt, fühlt er sich wohl. Die Ortsschule wirbt mit einer Klassenstärke von fünf Kindern, das Ortsschild weist 205 Einwohner aus, und der Supermarkt, zugleich Tankstelle und Touristeninformation, ist über und über mit Jagdtrophäen bestückt: Über der Kühltruhe hängt ein Bisonschädel.

„Wenn noch mehr Leute herkommen, muß ich eben weg und wieder weiter.“ Im Osten Oregons ist die Tradition des Fortziehens und des Neubeginns, ist die Glückssuche, ist das Unbehauste der Neuen Welt deutlich zu spüren. Verlassene Farmhäuser und Minencamps liegen abseits der Straße, die Holzbretter verrotten und bleichen. Die Sonne brennt, ein Fensterflügel schlägt im Wind. Die Hülle wartet auf den neuen Herrn, der hier ein Stück Lebensstrecke abarbeiten wird, um sich dann aus dieser Gegend, die noch immer nicht ganz dem Menschen unterworfen ist, wieder fortzuschleichen.

Hatte der Siedler in spe erst einmal den Snake River überwunden, der sich nördlich von Baker City durch den Heils Canyon, den tiefsten, immer noch kaum zugänglichen Canyon der USA, schlängelt, ging es im schmalen, hochrädrigen Planwagen weiter in Richtung Columbia River, doch lag das härteste Wegstück noch vor ihnen. Sie mußten sich nun sputen, um dem frühen Wintereinbruch in den Cascade Mountains zu entgehen. Zu guter Letzt erreichten die Abenteurer die tückischen Stromschnellen des Columbia, denn ein befahrbarer Paß durch das fast 400 Meter hohe Gebirge existierte noch nicht.