Lakonisch wie die Widmung ist letztlich das ganze Buch: "Für Willy zum Achtzigsten " Schnörkel und Fisimatenten sind Horst Ehmkes Sache nie gewesen, und zum Glück hütet er sich denn auch beim Rückblick, sich auf diese Weise selbstilluminierend zu verstellen.

Die kurze Ära der Kanzlerschaft Willy Brandts, also die Jahre 1969 bis 1973, stehen im Mittelpunkt. Er schildert zwar seinen Weg als Rechtsprofessor in die Sozialdemokratie, die SchmidtJahre, die Oppositionszeit mit ihrem überraschenden Finale, der Einheit, aber "meine schönste Zeit in Bonn" - das waren die Jahre an der Seite des ersten sozialdemokratischen Kanzlers, mit dem Ehmke eine enge Freundschaft verband. Er plaudert, erzählt, reflektiert, ironisiert und urteilt hemdsärmelig frisch, wie er das immer gehalten hat. Das alles zielt nicht aufs Wahljahr, aber Ehmkes Bilanz erscheint nun einmal inmitten des Jahres 1994, und unwillkürlich gewinnt sie dadurch auch besondere Aktualität. Bei der Lektüre lernt man sozusagen noch einmal, was Politik hieß und heißen könnte, was sie verlernt hat, warum sie oft abgemagert und blutleer wirkt. Die SPD in Zeiten der Großen Koalition und vor dem ersten Machtwechsel, 1969, wollte unbedingt sichtbar werden. Der Stabilitätsüberdruß war so groß wie der Modernisierungsdruck. Ob es um Familienrecht, Bildungspolitik oder Ostverträge ging, die großen Themen drängten sich geradezu auf. Und die Sozialdemokraten, spät erwacht, stürzten sich hinein in die Kontroversen, Horst Ehmke unter ihnen.

Die Bundesrepublik, schreibt er, "ging während der Großen Koalition innenpolitisch durch die stürmischste Phase ihrer jüngsten Geschichte. Die Debatten über die Verjährung und über die Strafrechtsreform emotionalisierten das rechte, die Notstandsdebatte das linke politische Spektrum". Das waren Zeiten für einen wie Ehmke. Er war seitdem "im Apo Einsatz", hin- und hergerissen von der Skepsis gegenüber dem "Revolutionstheater" und der Begeisterung über junge Leute, die zur Demokratisierung gesellschaftlicher Strukturen beitragen wollten.

Politisch und intellektuell stand Ehmke in dieser wie in vielen anderen Fragen zwischen den Fronten. Er solle sich wegen 300000 Studenten "keinen abbrechen", referiert Ehmke Bemerkungen von Helmut Schmidt. Ehmke stand zwar nicht auf seilen der Linken, aber eben auch nicht auf seilen der Rechten, und von all dem, was zur "Abhärtung des Professors" gedacht war, ließ er sich herzlich wenig beeindrucken.

Sicher sehen die Verhältnisse 1994 ganz anders aus. Aber immerhin - es liegt wieder so etwas wie Machtwechselstimmung in der LuftPolitischen Zündstoff gibt es mehr als genug. Und was machen die Sozialdemokraten, gemessen an Ehmkes "schönster Zeit"?

Die Zeitverhältnisse und das Engagement, mit dem sie sich einmischen, klaffen spürbar auseinander. Die Sozialdemokraten präsentieren sich unauffällig. Sie konzentrieren sich - bloß nicht verzetteln! - auf ein klassisches Thema: Arbeit. Sie versprechen Konsolidierung, aber von Aufbruchoder Neuanfangsstimmung ist wenig zu spüren. Beim Lesen gewinnt man noch einmal den Eindruck, seinerzeit hätten nicht nur die Probleme, sondern auch das ganze Ensemble der handelnden Personen, das Trio Brandt, Schmidt und Wehner, Akteure wie Eppler, Heinemann, Bahr zur Tat gedrängt. Es mußte etwas geschehen Über dieses "Etwas" war man sich an einigen Stellen - zumal in der Ostpolitik - erstaunlich sicher, in anderen Fragen gab man sich nur so und machte Fehler über Fehler. Alles nachzulesen in Ehmkes offenherziger Version.

Reformen hieß seinerzeit das Zauberwort. Als Reformpartei präsentieren sich die Sozialdemokraten 1994 gewiß nicht. Aus Vorsicht und weil sie die Chancen eines Machtwechsels nicht gefährden möchten? Weil die Problemlagen nicht danach sind? Weil sie aus dem ersten Reformexperiment gelernt haben? Man weiß es nicht.