Ein isoliertes Leben. Die gleichgültige, ja feindliche Umwelt. Chaos und Untergang als Schicksal: Die populäre Van Gogh Literatur und Filme von hohem Gemütswert haben uns gelehrt, daß Klischees im Umgang mit dieser tragisch romantischen Künstlerfigur der frühen Moderne unumgänglich sind. Zumal sie eines konkreten Hintergrunds nicht entbehren. Das Leben Vincent van Goghs bietet sich wehrlos psychologischer Deutung an.

Auch die neue Biographie des Münchner Kunsthistorikers Matthias Arnold bedient sich hinlänglich vertrauter Allerweltsweisheiten und setzt - Aufsehen muß sein - noch ein paar drauf. Eine "kritische Lebensdarstellung" wül der Autor liefern. Aufklärerisch will er wirken, als stünde er mit dem Phänomen van Gogh allein auf der Welt. Und so geht er daran, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über "Leben, Leiden und Sterben" des Malers aufzudecken. Der Öffentlichkeit, so klagt Arnold, sei bislang nur "eine schöngefärbte, stark legendenhaltige, in ent- —_—— scheidenden Teilen zensierte und deshalb skandalöse Version" der Geschichte zugemutet worden. Dagegen offeriert er nun deren gereinigte Fassung, auf mehr als tausend Seiten.

Das klingt schneidig und nach Enthüllungen und suggeriert einleitend bereits Rache an jedem, der dem armen Vincent zu dessen Lebzeiten oder posthum übelwollte: Der unbarmherzige Vater und die Mutter mit der Krämerseele fuhren den Reigen an. Die unseligen Beziehungen setzten sich in der Familie und im Freundeskreis fort - was sich in den mehr als hundert Jahren, die seit van Goghs Tod vergangen sind, ja durchaus herumgesprochen hatte.

Arnold legt seinen Ehrgeiz darein, ultimative Klarheit zu schaffen. Man kann das Sensationshascherei nennen. Im Niedersächsischen, nicht weit von des Künstlers niederländischer Heimat, heißt so etwas: Wind vor der Hoftür.

Die Bösewichter sind rasch benannt, sie gehören längst zum Repertoire: Theo van Gogh, der Bruder und Kunsthändler, der als Gegengabe für seine stetige finanzielle Unterstützung alle Werke des Malers erhält. Dessen Witwe, die tüchtige Johanna van Gogh Bonger, deren Zensurfreude bekannt und deren Verkaufsstrategien undurchsichtig sind. Beider Sohn Vincent Willem, der strenge Ingenieur mit den nie publizierten Geschäftspraktiken Überhaupt die ganze VanGogh Sippschaft aus Händlern und Pastoren. Und als Rechtsnachfolger die heutige Van GoghStiftung und das Rijksmuseum Vincent van Gogh in Amsterdam. Folgt man dem Autor, so ist bis heute des Verdrängens und Beschönigens, selbst der bewußten Unterschlagung wichtiger Lebenszeugnisse kein Ende. Dagegen stellt Arnold seine Arbeit: Damit wir - "zunächst" - den Menschen kennenlernen, und zwar "genauer als dies bisher möglich war". Spätestens diese Ankündigung ruft einem den gesammelten Forscherfleiß allein der vergangenen zehn Jahre ins Gedächtnis, der sich - zum Beispiel in Ausstellungen und deren Katalogen - auf das Werk konzentrierte und dabei natürlich auf die Erörterung des Künstlerdaseins nicht verzichten konnte.

Lebens- und Werkphasen sind heute detailliert aufgeschlüsselt: Van Gogh in Den Haag (Den Haag 1990), in Brabant (s Hertogenbosch 1990), in Paris (Paris 1988), in Arles, St. Remy und Auvers (New York 1984 und 1986), aber auch im Kontext von Zeitgenossen und Nachfolgern (EssenAmsterdam 199091). Zur 100. Wiederkehr des Todestages 1990 richteten überdies die Rijksmuseen Van Gogh, Amsterdam, und das Kröller Müller Museum Otterlo gemeinsam eine Retrospektive der Gemälde und der Zeichnungen aus. Wobei letzteres in Arnolds Bibliographie nicht erscheint; dagegen werden mehr als ein Drittel von 84 Titeln zur Van Gogh Rezeption mit Zeitschriftenaufsätzen des Autors belegt. Da zudem eine ganze Reihe von Briefeditionen vorliegen, könnte der Boden für eine monographische Darstellung nicht besser bereitet sein. Der Autor sieht das anders und ausschließlich biographisch. Er stellt einen der Kunst van Goghs gewidmeten Fortsetzungsband in Aussicht und dokumentiert nun dessen Leben vor allem aus der Korrespondenz - so als habe der Künstler nie die Gewohnheit gehabt, Leben und Werk, Alltagserfahrungen und Bilderfindungen, Erlebtes und Projektiertes eng zu verflechten. Ein breites Publikum mag so eine säuberliche Trennung schätzen und das Künstlerleben portionsweise zu sich nehmen: 138 Kapitel ("Die Krise: Legende und Ursachen", "Verbotene letzte Liebe") - das reizt zu selektiver Lektüre. Einleuchtend ist es nicht. Noch viel weniger möchte man sich an Arnolds eifernden Ton gewöhnen oder mit seinen düsteren Verweisen auf die Bodenlosigkeit jener Archive anfreunden, die sich ihm für seine Recherchen ja immerhin geöffnet habe.

Arnold stellt Fragen über Fragen, und wir können sie ihm auch nicht beantworten "Wie war es möglich, daß Van Gogh Forscher an Briefstellen achtlos vorbeigingen?" (S. 409). Wo blieben die letzten Briefe (S. 706)? Wer fälschte "mit perfider Regelmäßigkeit" des Künstlers Botschaften (S. 986)? Litt auch Vincent van Gogh an Syphilis, wo sich doch unlängst dank einer wieder aufgefundenen Krankenakte herausstellte, daß Theo entgegen den Aussagen der Familie an dieser Malaise seiner Epoche starb? Oder: Waren es verdrängte homoerotische Neigungen, die Vincent zu Ersatzhandlungen führten - zum Pfeiferauchen, zum Saufen, ja - als höchste Sublimierung - zur Kunst (S. 81)? Und schließlich: Ließen Theo und der Docteur Gachet den Maler nach seinem Selbstmordversuch in Auvers schnöde sterben, weil eine letzte Ersatzhandlung - die Neigung zur Arzttochter Marguerite - vertuscht werden sollte (S. 980)? Kitsch und Kolportage bis zum bitteren Ende. Matthias Arnold, Jahrgang 1947, blickt nach eigenem Zeugnis auf eine mehr als dreißigjährige intensive Beschäftigung mit Vincent van Gogh zurück. So schön es ist, wenn Passionen sich schon im Schüleralter abzeichnen - ein Wert an sich ist das nicht Überschwengliche Zuwendung, "mitunter kriminalistische Forschungsarbeit", die Lektüre und das fleißige Zitieren erreichbarer Korrespondenzen zeitigen nun ein ebenso weitschweifiges wie überflüssiges Ergebnis.