Zwei Katastrophen: von zwei Autorinnen beschworen - Anneliese Schwarzer und Gudrun Pausewang - in zwei Jugendromanen, zwei Katastrophen, die in vertrauter Gegenwart beginnen.

Gründonnerstag ist es wieder soweit. Die Grünberg Clique, eine Handvoll junger Leute, trifft sich zum verlängerten Wochenende, das die durchweg begüterten Familien in ihrer Feriensiedlung außerhalb der Stadt verbringen. Doch das Wohlstandsidyll wird plötzlich zum Gefängnis. Ein Umweltunfall zerstört jedes Leben, bis zu jener Höhenlinie oberhalb von Grünberg, die durch verendete Tiere und verkrümmte Leichen markiert wird.

Schwarzer inszeniert eine "Zeit danach" - nach Super GAU, Atomkrieg, Ozon, Dioxin- oder Giftgaszerstörung. Fünfzig Grünberger versuchen zu überleben und erkämpfen sich die Voraussetzungen menschlicher Existenz: Essen, ein Dach über dem Kopf, Vorratswirtschaft, Gemeinschaftsregeln, ein bißchen Kultur, ein wenig Transzendenz. Als nach Jahresablauf ein Flugzeug landet, die Isolation kurzfristig durchbrochen wird, will keiner Grünberg verlassen. Das harte, aber freie Leben, das sie alle - Jugendliche, ehemalige Manager, Stewardessen oder Ingenieure - fürchteten und jetzt schätzen, bietet ihnen eine bescheidene, aber selbst bestimmbare Zukunft. Und das ist ironischerweise mehr, als sie vor der Katastrophe von ihrem Leben erwarten durften.

Gudrun Pausewangs Zukunftsvision folgt anderen Obsessionen und Werten. Und auch hier gelingt der Einstieg verräterisch mühelos.

Das Weihnachtsfest fällt zwar nicht mehr ganz so üppig aus wie früher, und der dunkelhäutige Jirgalem spürt manchmal eine diffuse Angst, dofh noch geht es Lorbachs mit ihren Kindern und dem äthiopischen Adoptivsohn gut - trotz Krise, die offiziell Flaute genannt wird. Doch unaufhaltsam öffnet sich der Schlund: Das wiedervereinte Deutschland mit wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten entwickelt sich in wenigen Jahren zu einer faschistischen Diktatur.

Gesa, die Protagonistin der Geschichte, muß erleben, wie der Vater emigriert, Jirgalem in ein Arbeitslager kommt, die behinderte Schwester den anonymen Heimtod stirbt und die HIV positive Tante in Aufsichtshaft gerät. Wie unter Zwang sieht Gudrun Pausewang in unzähligen Partikeln bundesrepublikanischer Wirklichkeit das Potential zum Verhängnis. Weil den Anfängen nicht gewehrt wird, bleibt schließlich nur noch die lehensgefährliche Revolte der Abiturientin Gesa, die Haft oder Tod bedeutet.

So wird es nicht kommen, weder in dem einen noch in dem anderen Fall. Die selbstverschuldeten Apokalypsen, ihre Konsequenzen, die Handlungsweisen der Menschen sind konstruiert, selektiert und arrangiert, weil sie dem ästhetischen Muster der literarischen Utopie folgen. Denn so könnte es kommen. Hier kompensieren zwei Frauen unterschiedliche Ängste der Gegenwart mit unterschiedlichen Programmen für die Zukunft. Der Angst vor der Umweltzerstörung entspringt Anneliese Schwarzers Wende "zurück zur Natur". Der Furcht vor totalitärer Vereinnahmung neumit dem Lob kritischer Zivilcourage.