Von Erika Martens

Detroit ist das ideale Experimentierfeld für Frithjof Bergmann. Seine Ideen von "New Work", "neuer Arbeit", gedeihen besonders gut auf dem Pflaster der einst blühenden Autometropole, die mit dem beispiellosen Niedergang von General Motors, Ford und Chrysler in den vergangenen Jahrzehnten für traurige Rekorde bei Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität sorgte.

In der kranken Stadt am Eriesee sind 76 Prozent der Bevölkerung Schwarze, ein Drittel lebt unter der Armutsgrenze, jeder vierte von zehn Erwachsenen hat keinen Job mehr. Unter den Jugendlichen kletterte die Arbeitslosenrate auf gut 40 Prozent, mehr als 46 Prozent der Detroiter Kinder wachsen in Armut auf. Nach der "Mörder-Hauptstadt" Washington liegt Detroit auf dem zweiten Platz in der Statistik über Kapitalverbrechen. Die Folge: Wer es sich leisten konnte, floh in sichere Gegenden vor den Toren der Stadt. Die offizielle Einwohnerzahl, in den fünfziger Jahren noch bei etwa zwei Millionen, sank auf knapp über eine Million. Und viele glauben, daß diese Zahl künstlich hoch gehalten wird, weil die Stadtkassen Milliarden an Zuschüssen aus Washington verlieren würden, wenn die Millionengrenze unterschritten würde. Auch die Gesundung der Autofirmen kann das Desaster nicht ändern, denn neue Arbeitsplätze schafft der Aufschwung kaum.

Detroit und Michigan insgesamt, meint Frithjof Bergmann, Philosophieprofessor an der Universität von Michigan in Ann Harbor, stehen an der Spitze der Revolution, die Produktion und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen in allen Industrienationen durchmachen werden. Der in Österreich geborene Halbjude, der mit einer Arbeit über den deutschen Philosophen Hegel in Princeton promovierte, prophezeit, daß durch neue Technologien und neue Materialien in absehbarer Zukunft etwa die Hälfte der derzeit noch existierenden Arbeitsplätze auf dem Spiel steht.

Der Prozeß, der Arbeitswelt und Gesellschaft total verändern wird, hat nach Ansicht von Bergmann bereits begonnen. An kleinen Beispielen könne man das schon heute erkennen: Die harmlos wirkenden Scanner, mit denen an Supermarktkassen die Warenpreise eingelesen werden, sorgten nicht nur für schnelle Abfertigung der Kunden und damit für weniger Kassierer, sondern vernichteten zudem Tausende von Arbeitsplätzen in Rechnungswesen und Lagerhaltung. Weitere Personaleinsparungen könnte man erreichen, wenn man die kleinen Diebstahlsicherungen an den Waren mit einem System zur automatischen Abbuchung vom Bankkonto verbinden würde.

Keine Zukunftsmusik ist auch der Unterricht via Kabelfernsehen, mit dem schon heute in dünnbesiedelten Gegenden der Vereinigten Staaten Lehrer ersetzt werden. Realität sind längst Roboter, die in Hospitälern Kranken mit freundlichem "Guten Morgen!" die Kloschüssel oder das Frühstückstablett reichen. Denkbar scheinen mittlerweile auch Restaurants, in denen der Gast selber kocht. Er muß nur die vorgefertigte Mahlzeit im Mikrowellenherd erwärmen. Hunderttausende von Jobs in Fast-food-Ketten würden damit überflüssig. Selbst die Zahl der Manager ließe sich erheblich senken, wenn die Chefs durch eine Kombination von Computer und Fernseher den riesigen Zeitaufwand für Reisen zu Konferenzen auf ein Minimum beschränken könnten. Und mit jedem Hierarchen fällt zugleich ein ganzer Mitarbeiterstab weg – die "Domino-Arbeitslosigkeit", wie Bergmann sagt.

Doch all das ist für den Emigranten kein Grund, in Panik zu verfallen. Er verweist vielmehr darauf, daß es einen solchen tiefgreifenden Wandel schon einmal gegeben habe. Vor knapp 200 Jahren lebten achtzig bis neunzig Prozent der Bevölkerung auf dem Lande und ernährten sich und den Rest der Menschen. Heute schaffen es fünf Prozent, ihre Landsleute ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Maschinen ersetzten alle diejenigen, die in die Fabriken zogen, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch die rasche technische Entwicklung in den Produktionshallen zwang mittlerweile viele, einen neuen Job im Bereich der Dienstleistungen zu finden. Seit sich auch dort die Technik immer mehr breitmacht, erhebt sich die bange Frage: Was kommt danach? Bergmanns Antwort lautet: "New Work", und für sein Konzept wirbt er nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Kanada und in dem thüringischen Ort Mühlhausen, wo er ein Stadtentwicklungsprojekt begleitet.