Von Eleonore Büning

Das Stück fängt an wie ein schöner Zeitvertreib. Als gäbe es nichts Besseres zu tun, klimpert da beiläufig einer auf dem Zymbal herum, dann schlendern ein paar Töne aus der Quetschkommode vorüber, den letzten davon nimmt die Geige auf und zum Anlaß, mit einem kleinen Arpeggio die leeren Saiten noch einmal nachzustimmen. Zumindest hört sich das so an, noch ist das

ja keine richtige Musik. Endlich mischt sich leise, so zart wie ihr möglich, die Klarinette ein. Tatsächlich kann eine Klarinette aber gar nicht leise sein, schon wird sie frecher, schlägt einen Triller an, der noch nicht viel tut, dann einen zweiten und noch einen, der in die Dominante drängelt und sehnsüchtig am Herzen ziept. Und mit dem nächsten Schlag hat sie’s geschafft: Alle miteinander sind festgelegt auf eine Melodie, die Musik ist angekommen. Vayl ikh bin a yidale. Weil ich ein Jude bin, singe ich dieses Lied.

Das Lied klingt vertraut wie ein Volkslied, so jedenfalls stimmt Joel Rubin von der Gruppe Brave Old World es an: ein echter Gassenhauer. Ein bißchen fröhlich, auch etwas traurig, fetzig genug zum Tanzen, genau wie Straßenmusik eben sein muß. Nur daß es die Straßen und Gassen, auf denen dies Lied gesungen wurde, nur noch in der Erinnerung weniger gibt; nur daß der Text von den Toten handelt, von mörderischen Bomben und Schrapnells; und daß man dies Lied so gut, wie man glaubt, eigentlich gar nicht kennen kann. Es stammt aus der Sammlung Singing for survival – Lieder aus dem Ghetto Lodz, die die israelische Musik-Ethnologin Gila Flam sich bei den Überlebenden des Ghettos überall auf der Welt zusammengesucht und teils selbst aus Bruchstücken rekonstruiert hat. Erst vor knapp vier Jahren wurden erstmals Lieder aus dieser Sammlung in Deutschland „uraufgeführt“ – und zwar, damals in der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, wie auch vor zwei Jahren im Rahmen der Konzertreihe „Jüdische Lebenswelten“ (Berliner Festwochen 92), von Joel Rubin und Brave Old World, einer jungen amerikanischen Klezmer-Gruppe, die sich erst 1989 gegründet hatte. Das ist vielleicht das Verblüffendste an der Klezmer-Mode: daß es jetzt die ganz Jungen sind, die bewußt in die Fußstapfen der ganz Alten treten. Mittleres Alter gibt es nicht, weder bei den modernen Klezmorim, noch bei ihren Fans. Auch das Jiddisch, sagt Joel Rubin, ist „eine Sprache, die wir erst wieder lernen mußten“.

Erstaunlich aber auch, wie es andererseits dieser Musik gelingt, binnen kürzester Zeit vergessen zu machen, daß die Tradition jemals abgerissen war. „Wieviel zerstört wurde, läßt sich kaum ermessen“, heißt es im Booklet der kürzlich herausgekommenen Doppel-Compact-Disc mit teils traditioneller und teils neuer jüdischer Musik. „Die Kenntnis dessen, was überlebte, macht den Verlust bewußt.“ Das ist einfach und richtig – und angesichts ausverkaufter Konzertsäle auch gut, daß einmal mehr daran erinnert wird.

Klezmer ist nur eine augenblicklich modische Stilrichtung jüdischer Musik. Was sonst noch überlebt hat und was wiederaufgelebt ist; was davon in den acht Konzerten dieses sensationellen Berliner Musikfestivals vor zwei Jahren zu hören und zu erleben war, das hat nicht nur einen hohen dokumentarischen, sondern auch musikalischen Seltenheitswert. Geladen waren, zurück nach Europa, die ausgewanderten jüdischen Musiker in der ersten, zweiten und bald schon dritten Generation. Die liebenswürdigen Epstein-Brothers, in den Fünfzigern eine der erfolgreichsten Bands in den chassidischen Gemeinden New Yorks. Die Truppe von Piamenta aus Brooklyn, eine von vielen chassidischen Rockgruppen, die mit einer eigenständigen religiösen Popularmusik die jüdisch-orthodoxen Gemeinden versorgen. Die junge New Yorker Kantorin Naomi Hirsch nebst anderen Synagogen-Sängern aus den USA, Australien und der Schweiz. Sowie rituelle sephardische Gesänge und weltlich spanisch-jüdische Balladen aus Saloniki, Marokko und der Türkei.

Die schönste Begegnung ist allerdings die mit zwei Altstars des jüdischen Show-Biz: mit Seymor Rexsite und Miriam Kressyn, die sich als purimshpiler ausgeben und ein Potpourri quer durch die Geschichte des jiddischen Theaters servieren, das sich gewaschen hat. Sie haben Witz, Ironie und die Musik im kleinen Finger. Wer hört, wie sie die berühmte Komikerszene von Menasha Skulnik Beyt mikh a bisele (Frag mich doch mal) vorführen – der fragt sich nicht länger, der weiß plötzlich, was guter Schlager ist. Und dem geht unverhofft auch ein Licht auf in einer sehr finsteren Nachbarabteilung: Er ahnt, warum die in Deutschland verbliebene Unterhaltungskultur nach 1933 so schnurgerade abstürzte und die deutsche Operette so erbärmlich ist, wie sie ist. Yossi Piamenta hat es einmal so gesagt: „Musik hat mehr Überzeugungskraft als eine Million Rabbiner.“