Die Neugestaltung der Neuen Wache zu Berlin hat allerdings einen hohen Symbolwert: die Entfernung der Denkmäler von Bülow und Scharnhorst als Zeichen, daß die Deutschen sich nicht einmal der guten Seite ihrer Geschichte erinnern mögen. Die Pietà, die sinnfällig macht, wie wenig sie noch heute wissen, wessen sie zu gedenken haben, unter anderem nämlich sechs Millionen gemordeter Juden, von denen die wenigsten getauft waren. Die Inschrifttafeln, in denen mit Händen zu greifen ist, daß in Deutschland selbst das öffentliche Totengedenken nicht ohne An-. merkungen – ohne Nachhilfeunterricht – auskommt (um von der Provinzialität im Ästhetischen abzusehen).

Christian Meier, Professor für Geschichte in München, im neuen Heft der „Neuen Rundschau“ (S. Fischer Verlag, 2/94)

documenta: Catherine David

Die Wahl des documenta-Leiters ist immer ein papstwahlähnliches Spektakel; und in diesem Jahr wurde das Ritual noch farbiger und schien sogar insgesamt gefährdet wegen vorausgegangener Spardiskussionen. Schließlich stieg doch noch Rauch auf, und siehe, er war weiß: Einstimmig schlugen die acht Mitglieder der Findungskommission die Französin Catherine David vor; der Aufsichtsrat folgte diesem Votum und bescherte der documenta zum ersten Mal in ihrer 39 Jahre und neun Ausstellungen langen Geschichte eine Frau als Chef. Keine Quotenfrau, sondern eine ausgewiesene Spezialistin, der man eine zehnte documenta „mit Blick nach vorn“, wie es sich die Veranstalter für 1997 selbstverständlich erhoffen, getrost zutrauen darf. Die vierzigjährige Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin konzipiert seit dreizehn Jahren vor allem interdisziplinär ausgerichtete Ausstellungen, ist Kuratorin am Centre Pompidou und seit 1990 Leiterin der Galerie nationale du Jeu de Paume. Ein genaues Konzept für die documenta 97 gibt’s natürlich noch nicht, aber nicht eurozentristisch und auch nicht dezidiert feministisch soll es zugehen; und mit Catherine David als temporärer Kunstpäpstin dürften auch Film und Literatur einen Platz in Kassel finden.

Hofmannsthal? Hofmannsthal!

Ist es schon so lange her, daß Wiener Feuilletonisten ihren poetischen Landsmann schmähen wollten mit der Gründung einer „Gesellschaft zur Verhinderung der Überschätzung des Dichters Hugo von Hofmannsthal“? Je länger das Nachleben des Autors währt, der am 1. Februar vor 120 Jahren in Wien geboren wurde, desto klarer wird das Bild eines der letzten großen Schriftsteller aus dem Geist der alteuropäischen Habsburger Welt. Schönes Zeugnis für die Wirkung des Poeten ist der jetzt erschienene erste Band eines „Hofmannsthal-Jahrbuchs zur europäischen Moderne“ (Rombach Verlag, Freiburg, 399 S., 98,-DM). Der Band mit vielen Erstveröffentlichungen ersetzt die kargeren „Blätter“ und „Forschungen“ der Hofmannsthal-Gesellschaft. Hauptstück ist der erste Teil des Briefwechsels mit dem Schriftsteller Alfred Walter Heymel. Das Jahrbuch ist schon mit dem ersten Band eine Fundgrube für Leser und Forscher.

Geld oder Gewissen

In dem Aufsatz von Günter Wermusch über „Beutekunst“ aus der ehemaligen Sowjetunion auf dem internationalen Kunstmarkt, „Geld oder Gewissen“ (ZEIT vom 4. März), wird auch das Bild „Maria mit dem Kind“ von Joachim Wtewaels erwähnt, das dem Berliner Kunsthändler Gert-Holger Martin von ihm als seriös bekannten russischen Kunsthändlern angeboten worden war. Martin bat die Experten der Gemäldegalerie in Berlin-Dahlem um ein Gutachten. Die Museumsleute erkannten den großen Wert des Bildes, das ein inzwischen verstorbener sowjetischer General 1945 aus der Gemäldegalerie in Gotha erhalten haben soll. Nach einem Prozeß vor dem Berliner Landgericht wurde das Bild dem Berliner Kunsthändler zurückgegeben, da die Juristen einen rechtmäßigen Eigentümer nicht ausfindig machen konnten. Dazu erklärt Holger Martin: „Das Bild ging unmittelbar nach der Rückgabe vom Staatsanwalt an mich an die russischen Händler in der Winterfeldstraße, Berlin 30, zurück. Diese Händler gaben das Bild an den eigentlichen Eigentümer in Berlin zurück. Dieser verkaufte es an einen Sammler nach London, und der lieferte das Bild bei Sotheby’s ein. Ich habe mit dem Bild seit der Rückgabe durch den Staatsanwalt nichts mehr zu schaffen.“