Introitus

Norbert Blüm wandert gerne, da kann man die Seele baumeln lassen, wie ein großer Literat einmal schrieb, und überhaupt die Literatur und die Politik... Bekam Churchill nicht den Literaturnobelpreis? Und Bismarck, der hätte ihn doch zumindest verdient. So wandert Norbert Blüm vor sich hin, die Seele baumelt und baumelt, und plötzlich, da ist ihm so, er weiß nicht wie. Dieser Gebirgsbach, den er gerade durchwatet, ist der nicht, als sei er „von Stein und Felsquader zum Singen gebracht“? Und überhaupt diese Wanderung, fast kommt sie ihm vor „wie der Introitus einer alten lateinischen Messe“. Herrlich! Ein neues Stück Reiseprosa ist entstanden, diesmal nachzulesen in der Süddeutschen Zeitung, Seite 41. Blüm wandert durch Rügen, Blüm besucht Sigi im Forsthaus Valepp, auch sein Buch wird sich noch gut verkaufen. Blüms Autorenkarriere verläuft, ach, wer könnte das besser beschreiben als Blüm selber: „Man kommt erst langsam in Bewegung, und man steigt dann fast unmerklich sacht empor.“ Mag sich die Ära Kohl ruhig dem Ende neigen, dem Minister ist das Feld bestellt.

x + l = ?

Bundespräsident zu werden ist ganz schön schwierig. Diese Erfahrung hat schon der am Widerstand der Öffentlichkeit gescheiterte Kandidat von CDU und CSU, Steffen Heitmann, machen müssen. Auch sein Nachfolger, Roman Herzog, könnte – allerdings anders geartete – Probleme bekommen. Er hatte beizeiten verkündet, sich am 23. Mai in Berlin nicht mit Hilfe von Rechtsextremisten zum Bundespräsidenten wählen zu lassen. Damit allerdings hätte er sein Schicksal in die Hände der wenigen Republikaner in der Bundesversammlung gelegt. Deshalb lieferte er nun ein bemerkenswertes Rechenstück nach: „Wenn ich x extremistische Stimmen sehe, bei denen die Gefahr besteht, daß sie für mich votieren, und ich habe einen Vorsprung vor der absoluten Mehrheit beziehungsweise im dritten Wahlgang vor dem nächststarken Kandidaten eine Mehrheit von x + 1, dann ist die Sache gelaufen.“ Alles klar?

Selbsthilfe

Hut ab vor den Mitarbeitern der Goethe-Institute in Ägypten! Allein ihrem Engagement ist zu verdanken, daß ihre Bibliothek in Alexandria nicht geschlossen wird. Sie haben aus eigener Tasche 20 000 Mark zusammengekratzt, das Jahresgehalt für eine Bibliothekarin, der schon gekündigt worden war. Denn „Goethe“ muß – zugunsten verstärkter Arbeit in Osteuropa – fast überall sparen: am Programm, an den Sprachkursen und eben an den Bibliotheken. Die aber, schreiben die Mitarbeiter, sind „oft die direkteste, wenn nicht die einzige Verbindung des Auslands zur deutschen Kultur, Politik, Wirtschaft und Sprache“. Für die ebenfalls gefährdeten Bibliotheken in Amsterdam und Los Angeles konnten Sponsoren gefunden werden, für Alexandria nicht. Eben deshalb sprangen die Angestellten selber ein und fragen nun: Was wird 1995, 1996 und so weiter?