Von Klaus-Peter Schmid

Preisfrage: Wo findet man den "Auspuff Europas"? Antwort: in Österreich, denn so nennen die Tiroler inzwischen ihr Bundesland im Herzen der Alpen. Natürlich geht es ihnen nicht darum, mit einem neuen Slogan die Urlauber abzuschrecken. Sie beschreiben mit dem anrüchigen Attribut die Folgen des wachsenden Transitverkehrs auf der Brenner-Strecke, einer der am stärksten befahrenen Nord-Süd-Achsen des Kontinents. Dabei glauben viele Tiroler, daß sich die Zustände in der "Lkw- und Abgashölle" (Kronen Zeitung) noch verschlimmern werden – vor allem dann, wenn Österreich Mitglied in der Europäischen Union wird.

Auch das Buch zum Thema gibt es schon: "Transit-Saga. Bürgerwiderstand am Auspuff Europas". Und sieht man die anderen Titel, die in den Buchhandlungen ausliegen, dann sind nicht nur die Tiroler Euro-Skeptiker. Neben "Eurotopia", "Die Lüge Europa" und "10 Thesen gegen Groß-Europa" stehen Publikationen wie "Europa – Ratlos statt grenzenlos" und "Der un-heimliche Anschluß – Österreich und die EG". Immerhin: Hinter die Titel "Europa am Ende" und "Kartenhaus Europa" haben die Autoren noch ein Fragezeichen gesetzt.

Indizien für die bescheidene Popularität Europas auch anderswo. So errang bei der jüngsten Landtagswahl in Tirol Regierungschef Wendelin Weingartner von der konservativen ÖVP mit einer Kampagne gegen den Beitritt zur EU – und gegen seine proeuropäische Wiener Parteispitze – einen überraschenden Sieg. Und das Boulevardblatt Täglich Alles publiziert gezielt gegen Europa holperig gereimte Leserbriefe wie diesen: "Die Stimmen wollen nicht verstummen: Wie wagt man es, Milliardensummen – statt sie zum Wohl des Volks zu nutzen – im Euro-Parlament zu verputzen!"

Doch so geschlossen, wie es scheinen mag, ist die Front der Europa-Gegner nicht. "Hätte man jetzt über einen Beitritt abgestimmt, hätte es eine donnernde Mehrheit gegeben", versichert Herbert Krejci, langjähriger Generalsekretär der Vereinigung Österreichischer Industrieller und unermüdlicher Euro-Werber. Tatsächlich nimmt die Zahl der Befürworter zu, seit die Wiener Regierung die Verhandlungen über Österreichs Beitritt zur EU mit Erfolg abgeschlossen hat. Die jüngste Meinungsumfrage nach den Landtagswahlen zeigt ein klares Bild: Wäre heute Volksabstimmung, votierte – dank des "Brüssel-Effekts" – eine absolute Mehrheit für den Beitritt.

Das heißt aber nicht, daß das für den 19. Juni angesetzte Referendum schon gelaufen ist. Schwierigkeiten wird es in den nächsten Monaten genug geben, vor allem mit den Bauern. Deren Probleme sind nicht untypisch, manch anderer Berufsstand befindet sich in einer vergleichbaren Situation: Der Beitritt verlangt beträchtliche Anpassungen und ist deshalb unpopulär – obwohl die Umstellungen auch bei einem Nein zu Europa nicht zu vermeiden wären.

Den österreichischen Landwirten beschert ein Beitritt immerhin rechnerisch einen Einkommensverlust von über einer Milliarde Mark im Jahr. Die Erklärung für den Aderlaß: Die Preise in Österreich liegen siebzehn Prozent über Europa-Niveau, bei Getreide sogar bis zu vierzig Prozent, bei Rindern und Schweinen bis zu zwanzig Prozent. Auch Obst, Gemüse und sogar Milchprodukte sind spürbar teurer als bei den Nachbarn. Damit die ausländische Konkurrenz die hohen Preise nicht drücken kann, hält man sie vor allem durch strikte Importkontingente in Schach. Damit ist es mit dem Beitritt schlagartig aus, die Kontingente müssen verschwinden, die Preise auf das Niveau der Union gesenkt werden – mit entsprechenden Einkommensverlusten.