Von Joseph Rovan

Paris

Mit den Mitteln des Rechtsstaates allein ist es unmöglich, das Erbe der Tyrannei zu bewältigen. Der Prozeß gegen den französischen Kollaborateur Paul Touvier, der vorige Woche vor dem Schöffengericht in Versailles begonnen hat, wird diese Feststellung wieder einmal erhärten.

Paul Touvier ist eine Nicht-Person. Als junger Mann aus kleinbürgerlich-katholischer Familie in Savoyen hatte er sich zu der Milice française gesellt, einem besonders bösartigen Auswuchs der „Kollaboration“, Sie stand in gerader Fortsetzung der präfaschistischen und parafaschistischen Ligues, die schon in den frühen dreißiger Jahren als neue Äste auf dem alten Stamm des antiliberalen, antirepublikanischen und antisemitischen Rechtskatholizismus zur Entfaltung gekommen waren. Und sie gründete direkt in der Action française von Charles Maurras, die zwar intellektuell anspruchsvoller, aber politisch nicht weniger radikal war. Maurras hatte die Niederlage Frankreichs, das heißt der Republik, im Juni 1940 mit dem Ausruf „Welch göttliche Überraschung“ begrüßt. Der Sieg der Republikaner, der Laizisten, lag noch keine vierzig Jahre zurück: Die traditionalistische Rechte hatte sich damals mit der Affäre Dreyfus selber eine Falle gestellt.

Frankreichs Geschichte war im 19. Jahrhundert durch eine Abfolge von Bürgerkriegen geprägt. Die Affäre war im Grunde auch ein gerade noch unblutig verlaufener Bürgerkrieg. Der Haß auf die Revolution und auf ihre Werte, der Haß auf die Juden, der Haß auf den Marxismus spielten vor dem Ersten Weltkrieg eine wachsende Rolle. Der Sieg der „Volksfront“ unter der Führung des Juden Léon Blum brachte diesen Haß und diese Wut – vor dem Hintergrund des spanischen Bürgerkriegs – zur Weißglut. Um so stärker wirkten der italienische Faschismus und der deutsche Nationalsozialismus in die französische Politlandschaft hinein.

Das Vichy-Regime, das sich nach dem Zusammenbruch Frankreichs in der „unbesetzten“ Zone etablierte, stand zuerst ganz in der Tradition des überholten „alten“ Rechtskatholizismus. Aber je länger der Krieg dauerte, um so ungeduldiger wurden die Vertreter des „modernistischen“, faschistischen neuen Rechtsradikalismus. Sie gruppierten sich einerseits in den französischen SS-Divisionen wie „Charlemagne“, andererseits in der von Joseph Darnand, einem rechtsradikalen Haudegen, aufgestellten Milice française. Diese wurde immer mehr zum kämpfenden Arm des Vichy-Regimes, das gegen die Résistance mobilisierte.

Paul Touvier war dabei, ein kleiner Komparse, ein Chef von allenfalls lokaler Bedeutung. Gleichwohl eröffnet der am Donnerstag voriger Woche begonnene Prozeß gegen ihn eine neue Etappe der unmöglichen Bewältigung der eigenen Geschichte. Denn trotz unzähliger Bücher ist sie im öffentlichen Bewußtsein nur bruchstückweise vorhanden. Die französische extreme Rechte versucht bis heute, die Allianz mit dem nationalsozialistischen – deutschen Staat als ein von der damaligen Lage aufgezwungenes Schicksal darzustellen.