Als ich noch sehr jung war, da herrschte sie über unser aller Leben, war eine sozusagen staatstragende Wissenschaft. "Natürliche Zuchtwahl", "Ausmerzung verkrüppelten oder lebensunwerten Lebens" und "Rassenhygiene" waren politische Begriffe, die jeden einzelnen berührten, in manchen Fällen über Tod und Leben entschieden haben. Wie das alles mit Rasse und Vererbung zusammenhing, wurde mir nicht präzise erklärt, von Judenverschickungen hörte ich Erwachsene flüstern, die es vor uns Kindern verbergen wollten, worauf ich mir keinen Reim machen konnte. So war ich als kleines Kind an Rassenhaß und Eugenik beteiligt, selbstverständlich nicht handelnd oder auch nur verstehend, ich habe aber eine Menge an Vorbewußtem und Vorurteilen mitbekommen, was mir zum Teil erst viel später klar bewußt wurde.

Die Worte Rasse, Erbe, Erbmasse und Vererbung erhielten in mein Sprachgefühl einen unangenehmen Unterton eingepflanzt, den sie noch haben. Da brodelt etwas im Unterbewußtsein, wenn ich sie höre, weshalb ich zum Beispiel ausgesprochen schlecht gelaunt auf DDR-Modebegriffe der achtziger Jahre, nämlich "nationales Kulturerbe" und "Erberezeption", reagiert habe, weshalb ich gegen irrationale Reflexe angehen muß, wenn ich Worte wie "durchraßt" oder "Beschneidung" höre.

Als ich selbst heranwuchs und nachzudenken begann, war die sozialdarwinistische Auswertung der Eugenik unter schweres gesellschaftliches Tabu gesetzt. In den fünfziger Jahren der DDR waren Genetik und Vererbung eher Unworte, selten gebraucht, es war keine sehr prestigetragende Wissenschaft. In Biologie und Medizin sowie vor allem in der Pädagogik wurden nicht mehr die erblichen Komponenten unserer Physis oder unseres Verhaltens betont, sondern die erworbenen. Schon das Wort "begabt" hatte einen verdächtig bürgerlichen Beigeschmack.

Zur Weltanschauung geriet die Genetik, als in den fünfziger Jahren die sowjetische Genetik von Mitschurin und Lyssenko, von Stalin gefördert, zu uns kam. Das Problem, ob erworbene Eigenschaften erblich sind oder nicht, wurde zum Zankapfel im Weltanschauungskampf, wobei die Kirchen die Verteidigungslinie organisierten und an der klassischen Genetik festhielten, wohl weil das im Westen die bevorzugte Lehre war und weil es ihrer Meinung nach logischer mit der Erschaffung der Welt durch Gott zusammenpaßte, während die Partei die fortschrittliche Lehre unterstützte, weil sie angeblich besser dem dialektischen Materialismus entsprach, der die siegreiche herrschende Lehre werden wollte.

Als Oberschüler haben wir viele heiße Diskussionen über Genetik und Politik geführt, die heute sicher nur noch komisch wirken würden. Dies war die zweite Etappe, in der die Genetik eine große Rolle in meinem Leben spielte. Danach gab es lange Jahre, in denen Genetik ganz am Rande meines Bewußtseins residierte, obwohl ich als Arzt und Biochemiker natürlich immer mit ihren Begriffen und Lehren zu tun hatte. Aber erst der große Paradigmenwechsel der Biologie in den sechziger und siebziger Jahren brachte sie wieder in den Vordergrund, und schließlich wurde sie als Genomik in den achtziger Jahren zu meinem neuen Beruf. Jens Reich