Von Margrit Sprecher

Ihre Auftritte waren schon immer von verschwenderischer Üppigkeit gewesen, ihre Abgänge dramatisch. Doch ihre letzte Selbstinszenierung, die selbst verfaßte Todesanzeige im Cinemascope-Format, von Zeitungsseite zu Zeitungsseite, schlug alles: "Wie gerne habe ich mit Euch Feste gefeiert, und doch, Ihr erinnert Euch, war ich immer die erste, die verschwand, lange, bevor die Kerzen herunterbrannten und die Musik verstummte. Auch das große Fest des Lebens verlasse ich mitten im Walzer."

Die Zeilen lasen sich, als stammten sie aus einem ihrer Bücher mit Titeln wie "Lerche und Löwe" und "Purpur und Diamant", mit denen sie sich auf Platz acht der Verkaufs-Hitparade deutschsprachiger Autoren schrieb. Wenn bei ihr gestorben wird, dann erscheint der Tod dem Helden als "schöne Frau, die mich ins Paradies abholt". Wenn die Heldin erwacht, dann "verläßt sie auf Kranichschwingen die Galaxie der Nachtträume und läßt sich am sonnigen Ufer der Tagträume nieder".

Kaum war die Todesanzeige in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen, begann die Jagd nach Menschen, die mehr wußten. Sie verlief ergebnislos. Zwar wurden ein paar Jet-set-Paare geortet, die von Sandra Paretti kürzlich beschenkt worden waren. Und auch ihre Putzfrau, der jetzt ein großes Erbe prophezeit wird, beteuerte, wie gut die Frau Doktor immer zu ihr gewesen sei. Doch gekannt, wirklich gekannt, so stellte sich heraus, hatte sie niemand.

Am nächsten in der Umlaufbahn zu kreisen schien ihr Zürcher Rechtsanwalt Manfred Kuhn. Obwohl auch er erst kürzlich erfahren hatte, daß ihr die Ärzte nur noch zwei Monate gaben.

So stürzten sich denn die Journalisten auf den umtriebigen Juristen: In den ersten Tagen nach ihrem Selbstmord bekam er mehr als hundert Anrufe, "Schreinemakers live" präsentierte ihn als "besten Freund von Sandra Paretti", die Bild- Zeitung war vor allem an Einzelheiten ihres Sterbens interessiert. Da der Augenzeuge die Auskunft über Einzelheiten verweigerte, ergänzte das Blatt das Nichtgesagte mit eigenen Vermutungen. Nicht Isoldes Liebestod hatte sie als letztes aufgelegt? Also mußte es Mozart gewesen sein.

Doch Manfred Kuhn nahm den Interviewstreß gern auf sich. Das Interesse war ihm als Vizepräsidenten der schweizerischen Sterbehilfe-Gesellschaft Exit durchaus nicht unlieb. Denn einen besseren Werbeauftritt kann er sich gar nicht wünschen. "So schön wie ein Klimtbild", schwärmt er, "ist sie am Schluß dagelegen."