Nicht Stadt, sondern Weib – Seite 1

Von Henry Thorau

Ein denkwürdiges Blutbad befreite die Stadt von ihren Unterdrückern. Jetzt konnte Afonso Henriques an die Eroberung von Lissabon gehen, diese blühende Stadt an der Mündung des Tejo, ein Treffpunkt der reichen Araber.

So wie diese "Geschichte Portugals", dürfte das Geschichtswerk aussehen, dessen Druckfahnen der gewissenhafte Korrektor Raimundo Silva, eine Wolldecke auf den Knien, die "Kunst der Datenprüfung" neben sich, auf Fehler durchsieht. Raimundo Silva ist die Hauptfigur in José Saramagos inzwischen sechstem ins Deutsche übersetzten Roman. Und eine von José Saramagos vielen Listen besteht darin, daß er sein Buch genau nach dem Machwerk benennt, dessen Verfasser nur als "der Herr Doktor" auftritt: "Geschichte der Belagerung von Lissabon".

"Gefällt Ihnen das Buch?" fragt der große Herr Doktor den kleinen Korrektor. "Es gefällt mir." – "Klingt aber gar nicht begeistert". – "Es gefällt mir" ist das Abfälligste, was Raimundo Silva über die Lippen bringt, der kontaktscheue Junggeselle (fünfmal in der Woche Bohnensuppe, zur Krönung einen Kaffee), "verflogen sind die Freuden, Trauern lohnt nicht".

Längst traut der Korrektor keinem Buchstaben, glaubt er keinem einzigen Wort mehr vor seinen Augen und beugt sich, erschrocken über seine "verwegenen Urteile", rasch wieder über die Zeilen. "Quo usque tandem, wie lange noch, o Raimundo, willst du dich zum Handlanger machen", quält eine innere Stimme immer lauter die über den Schreibtisch gekrümmte Korrektorseele. Eines nachts endlich fleht ihn das Buch persönlich an: "Mach aus mir etwas anderes, falls du dazu imstande bist." Mit fester Hand greift Raimundo Silva daraufhin den Kugelschreiber und versieht die Seite mit einem zusätzlichen Wort: "Die Kreuzritter", heißt es nun, "werden den Portugiesen bei der "Eroberung Lissabons nicht helfen".

Aber woher will der Korrektor das denn wissen, er war ja nicht dabei. Und außerdem: Wem nützt dieses Nicht, den Opfern der Geschichte? Ändert ein Nicht die Geschichte? Oder sollten wir lieber fragen, wem schadet es? Und was ist los mit Herrn Silva?

Das Attentat auf die Geschichte ist mißglückt. Der Verlag entdeckt die Ergänzung: deleatur! Fast würde der Korrektor selbst zum Deleatur, wäre da nicht Frau Doktor Maria Sara und nähme die Geschichte mit ihr nicht doch eine Wende: zumindest die persönliche Geschichte Raimundo Silvas. Denn die junge Frau Doktor, welche Herrn Silva und allen anderen Korrektoren vorsteht, erahnt Raimundos inneres Begehren und fragt ihn, was er davon halte, eine Geschichte der Belagerung von Lissabon zu schreiben, in der die Kreuzritter den Portugiesen nicht helfen.

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Ob dies nun Hohn ist oder innere Komplizenschaft – als Raimundo Silva den Verlag verläßt, drückt er sich wie ein Hund im Regen an den Häuserwänden entlang und begibt sich wie Alexander Kluges Patriotin auf die Suche nach der Geschichte, reißt in Gedanken das moderne Pflaster alter Lissabonner Plätze auf und gräbt sich hinunter bis zu den Grundmauern jener Zeit, bis Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, auch dergestalt, daß "Lissabon, dem Anschein entgegen, nicht Stadt war, sondern Weib". Der eine Raimundo stürmt mutig die Festung der Geschichte, der andere sitzt zusammengesunken vor dem Telephon, nicht fähig, den Hörer abzuheben und ihre, Maria Saras, Nummer zu wählen.

Neurose und Liebe. Stoff für Endlostelephonate und Dialog-Spiralen. Oder sind es innere Dialoge, ist Maria Sara eine Pessoasche Entdopplung? Aber zurück an den Schreibtisch! Hatte Raimundo Silva den fürchterlichen "Herrn Doktor" am Anfang gefragt, wieso er auf die Geschichte verfallen ist, so muß er sich die Frage nun selbst stellen – und wir stellen sie Saramago: Wieso die Belagerung und Befreiung der von Mauren beherrschten Stadt Lissabon durch die Portugiesen im Jahr 1147? Will er uns damit sagen, daß die Portugiesen die Tat selbst vollbracht haben, daß die "Landeskinder" einmal nicht nur als "namenlose Handlanger" des vereinigten Abendlandes dienten, daß es also allein des Portugiesen Dom Alfonso Henriques christlicher Einfall war, just in dem Augenblick die Stadt zu stürmen, als der Muezzin zum Mittagsgebet rief?

Gekränkter Nationalstolz und Minderwertigkeitskomplexe, Traumata, die sich durch die portugiesische Geschichte ziehen, bis heute: Im 16. Jahrhundert von den Spaniern befehligt, im 19. Jahrhundert, als der König vor Napoleon nach Brasilien geflohen war, von den Engländern kommandiert, im 20. Jahrhundert provinzielle Urlaubsidylle von Franzosen, Engländern und Deutschen, die den Portugiesen so gern Bescheidenheit, Demut, Genügsamkeit und große Opferbereitschaft attestieren und verdrängen, daß die berühmte Freundlichkeit der Portugiesen eine Reaktion, Psychologen würden sagen, eine "Reaktionsbildung", ist auf eine langjährige Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung. Dieses Bild vom friedlichen und dankbaren Portugal zerstört der Geschichtskorrektor Saramago auf der Suche nach einer anderen Lesart, nach dem Widerspruch.

Den Gegenbeweis, "solcherweise das entscheidende Nicht des Korrektors leidlich in Einklang gebracht ist mit dem Ja, dem Vielleicht und dem Obzwar, aus denen die Geschichte unseres Vaterlandes gemacht ist", führte Saramago bereits in seinem – berühmtesten – Buch "Das Memorial" (deutsch 1986). In diesem Roman hatte Saramago Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters wörtlich genommen und den Namenlosen Namen gegeben, die für den Bau des Klosters von Mafra in Ketten Felsbrocken herbeischleppten; hatte, wie schon in seinem Roman "Hoffnung im Alentejo", mit dem ihm 1980 der Durchbruch gelang, über die Leidensgeschichte einzelner Familien hinaus eine kollektive portugiesische Biographie geschrieben und das gemeine Volk zum Helden der Geschichte gemacht: Saramago, der Autodidakt –, einer von unten – ehemals Maschinenschlosser –, war damals ganz dem Geschichtsbewußtsein der "Nouvelle Histoire" Georges Dubys verpflichtet.

Der (ehemalige?) Kommunist Saramago ist skeptischer geworden. Seinen Geschichtsoptimismus hat er vertauscht gegen einen Geschichtsrelativismus, die historischen Veränderungen, den vorläufigen Zusammenbruch des Sozialismus vorausahnend, der vielleicht unsere Aufmerksamkeit auch auf neuere fundmentalistische Strömungen in der Gegenwart lenkt: "Dies alles, weiß man bereits, sind Vermutungen eines Erzählers, der mehr um die Wahrscheinlichkeit bemüht ist als um die, so meint er, ohnehin nicht ermittelbare Wahrheit."

Das war 1989. Doch dann fuhr der Teufel in den Atheisten Saramago und führte ihn in Versuchung: "Das Evangelium nach Jesus Christus", Lissabon 1991. Zwei Jahre später erreichte die Botschaft auch die deutschen Gläubigen.

Noch nie hat José Saramagos Methode der Geschichts- und Geschichtenumschreibung so wenig funktioniert, so sehr versagt wie hier, wo ihr der konkrete historische Grund und Boden fehlt: Weder fördert er verschollenes Material zutage, noch schaufelt er vergrabene Daten und Fakten der Geschichte von unten nach oben oder von rechts nach links.

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Ja, wir wissen es: Jesu Leben war eine Prüfung! Daß er sein kurzes Leben lang von Schuldgefühlen geplagt wurde, tut uns leid, daß er endlich, eintausendneunhunderteinundneunzig Jahre nach seinem Tod, die Möglichkeit bekommt, im Beisein des Teufels mit Gottvater über den Vaterschaftsnachweis und seine guten Taten zu diskutieren, freut uns aufrichtig, daß er "sehr irdische Erfahrungen macht", gönnen wir ihm von Herzen. Ob seine Liebe zu Maria Magdalena verwerflich war, wissen wir nicht, das muß er für sich selbst entscheiden. Daß es sich nicht lohnt, am Kreuz zu sterben, glauben wir ihm gern. Ansonsten schütteln wir den Kopf. Und über die Lust der Götter und die Geschichtsklitterung der katholischen Kirche wurden wir schon vielfach und aus unterschiedlichsten Quellen, unter anderem von Professor Küng und Dr. Drewermann, unterhaltsam und profund belehrt.

O Satan, verlaß den Leib dieses portugiesischen Dichters! Zwar lief Saramago schon immer Gefahr, selbst zum "Herrn Doktor" zu werden, wenn er seine Erzähler mit weitschweifigen, gewundenen Mäandern, mit vielen "sei es", "oder aber", "vielleicht", "will heißen" in Hypothesen und Spekulationen fabulieren ließ. Doch konnten wir dies, genauso wie den altmodisch historisierenden Ton und das geradezu autoritär angewandte literarische Verfahren des auktorialen Erzählens in der "Belagerung von Lissabon", noch als Ironie durchgehen lassen. In dieser Heilsgeschichte ist Saramago nicht nur der fünfte Evangelist, sondern schwingt sich zum Allmächtigen auf, ohne Rollendistanz und Selbstironie. Das "Evangelium nach José Saramago": ein Weihnachtsmärchen.

Daß das "Evangelium nach Jesus Christus" in Portugal und anderen katholischen Ländern "heftigste Debatten über die Rolle der Kirche im Staat auslöste", Saramago von Anhängern des Erzbischofs Lefebvre sogar Morddrohungen erhielt, mag eine Aussage über die geistliche Verfassung der katholischen Kirche und ihrer Anhänger sein, mit Sicherheit ist sie kein Zeugnis für die Qualität dieses Romans.

Schleichen wir uns hinaus aus diesen 500 Seiten. Oder sollten wir das Werk vielleicht unserem Lissabonner Korrektor Raimundo Silva zur Überarbeitung geben? Nein! Ein "Nicht" allein würde nicht genügen.

Geben wir das Werk schnell ins moderne Antiquariat, und wenden wir uns ein letztes Mal Raimundo Silvas "Belagerung von Lissabon" zu und seiner Liebesgeschichte in der Altstadt Lissabons. Vom unglücklichen kleinen Korrektor zum Erfolgsautor, und auch noch glücklich...

Doch diese Gewißheit versagt uns Saramago. So lieben wir ihn. Leider ist die Geschichte zu Ende: "Raimundo legte den Kugelschreiber aus der Hand, er rieb sich die ermüdeten Augen, dann überflog er die letzten Zeilen nochmals, seine. Nicht übel, wollte ihm scheinen."

Von seinem Erkerfenster in Lissabon sieht Raimundo Silva den Himmel, die Erde und die Dinge dazwischen. Von seinem Dorf aus sah Fernando Pessoas Heteronym Alberto Caeiro die Welt. Möge Saramagos "Evangelium" von einem Double geschrieben sein, das sich nicht mehr zu Wort meldet! Damit José Saramago mit "Das Memorial" und "Geschichte der Belagerung von Lissabon" für den portugiesischen Roman das bleibt, was Fernando Pessoa für die portugiesische Lyrik ist: Weltliteratur.

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  • José Saramago:

Geschichte der Belagerung von Lissabon

Roman; aus dem Portugiesischen von Andreas Klotsch; Rowohlt Verlag, Reinbek 1992; 432 S., 45,– DM

Das Evangelium nach Jesus Christus

Roman; aus dem Portugiesischen von Andreas Klotsch; Rowohlt Verlag, Reinbek 1993: 511 S., 45,– DM