Ob dies nun Hohn ist oder innere Komplizenschaft – als Raimundo Silva den Verlag verläßt, drückt er sich wie ein Hund im Regen an den Häuserwänden entlang und begibt sich wie Alexander Kluges Patriotin auf die Suche nach der Geschichte, reißt in Gedanken das moderne Pflaster alter Lissabonner Plätze auf und gräbt sich hinunter bis zu den Grundmauern jener Zeit, bis Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen, auch dergestalt, daß "Lissabon, dem Anschein entgegen, nicht Stadt war, sondern Weib". Der eine Raimundo stürmt mutig die Festung der Geschichte, der andere sitzt zusammengesunken vor dem Telephon, nicht fähig, den Hörer abzuheben und ihre, Maria Saras, Nummer zu wählen.

Neurose und Liebe. Stoff für Endlostelephonate und Dialog-Spiralen. Oder sind es innere Dialoge, ist Maria Sara eine Pessoasche Entdopplung? Aber zurück an den Schreibtisch! Hatte Raimundo Silva den fürchterlichen "Herrn Doktor" am Anfang gefragt, wieso er auf die Geschichte verfallen ist, so muß er sich die Frage nun selbst stellen – und wir stellen sie Saramago: Wieso die Belagerung und Befreiung der von Mauren beherrschten Stadt Lissabon durch die Portugiesen im Jahr 1147? Will er uns damit sagen, daß die Portugiesen die Tat selbst vollbracht haben, daß die "Landeskinder" einmal nicht nur als "namenlose Handlanger" des vereinigten Abendlandes dienten, daß es also allein des Portugiesen Dom Alfonso Henriques christlicher Einfall war, just in dem Augenblick die Stadt zu stürmen, als der Muezzin zum Mittagsgebet rief?

Gekränkter Nationalstolz und Minderwertigkeitskomplexe, Traumata, die sich durch die portugiesische Geschichte ziehen, bis heute: Im 16. Jahrhundert von den Spaniern befehligt, im 19. Jahrhundert, als der König vor Napoleon nach Brasilien geflohen war, von den Engländern kommandiert, im 20. Jahrhundert provinzielle Urlaubsidylle von Franzosen, Engländern und Deutschen, die den Portugiesen so gern Bescheidenheit, Demut, Genügsamkeit und große Opferbereitschaft attestieren und verdrängen, daß die berühmte Freundlichkeit der Portugiesen eine Reaktion, Psychologen würden sagen, eine "Reaktionsbildung", ist auf eine langjährige Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung. Dieses Bild vom friedlichen und dankbaren Portugal zerstört der Geschichtskorrektor Saramago auf der Suche nach einer anderen Lesart, nach dem Widerspruch.

Den Gegenbeweis, "solcherweise das entscheidende Nicht des Korrektors leidlich in Einklang gebracht ist mit dem Ja, dem Vielleicht und dem Obzwar, aus denen die Geschichte unseres Vaterlandes gemacht ist", führte Saramago bereits in seinem – berühmtesten – Buch "Das Memorial" (deutsch 1986). In diesem Roman hatte Saramago Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters wörtlich genommen und den Namenlosen Namen gegeben, die für den Bau des Klosters von Mafra in Ketten Felsbrocken herbeischleppten; hatte, wie schon in seinem Roman "Hoffnung im Alentejo", mit dem ihm 1980 der Durchbruch gelang, über die Leidensgeschichte einzelner Familien hinaus eine kollektive portugiesische Biographie geschrieben und das gemeine Volk zum Helden der Geschichte gemacht: Saramago, der Autodidakt –, einer von unten – ehemals Maschinenschlosser –, war damals ganz dem Geschichtsbewußtsein der "Nouvelle Histoire" Georges Dubys verpflichtet.

Der (ehemalige?) Kommunist Saramago ist skeptischer geworden. Seinen Geschichtsoptimismus hat er vertauscht gegen einen Geschichtsrelativismus, die historischen Veränderungen, den vorläufigen Zusammenbruch des Sozialismus vorausahnend, der vielleicht unsere Aufmerksamkeit auch auf neuere fundmentalistische Strömungen in der Gegenwart lenkt: "Dies alles, weiß man bereits, sind Vermutungen eines Erzählers, der mehr um die Wahrscheinlichkeit bemüht ist als um die, so meint er, ohnehin nicht ermittelbare Wahrheit."

Das war 1989. Doch dann fuhr der Teufel in den Atheisten Saramago und führte ihn in Versuchung: "Das Evangelium nach Jesus Christus", Lissabon 1991. Zwei Jahre später erreichte die Botschaft auch die deutschen Gläubigen.

Noch nie hat José Saramagos Methode der Geschichts- und Geschichtenumschreibung so wenig funktioniert, so sehr versagt wie hier, wo ihr der konkrete historische Grund und Boden fehlt: Weder fördert er verschollenes Material zutage, noch schaufelt er vergrabene Daten und Fakten der Geschichte von unten nach oben oder von rechts nach links.