Ja, wir wissen es: Jesu Leben war eine Prüfung! Daß er sein kurzes Leben lang von Schuldgefühlen geplagt wurde, tut uns leid, daß er endlich, eintausendneunhunderteinundneunzig Jahre nach seinem Tod, die Möglichkeit bekommt, im Beisein des Teufels mit Gottvater über den Vaterschaftsnachweis und seine guten Taten zu diskutieren, freut uns aufrichtig, daß er "sehr irdische Erfahrungen macht", gönnen wir ihm von Herzen. Ob seine Liebe zu Maria Magdalena verwerflich war, wissen wir nicht, das muß er für sich selbst entscheiden. Daß es sich nicht lohnt, am Kreuz zu sterben, glauben wir ihm gern. Ansonsten schütteln wir den Kopf. Und über die Lust der Götter und die Geschichtsklitterung der katholischen Kirche wurden wir schon vielfach und aus unterschiedlichsten Quellen, unter anderem von Professor Küng und Dr. Drewermann, unterhaltsam und profund belehrt.

O Satan, verlaß den Leib dieses portugiesischen Dichters! Zwar lief Saramago schon immer Gefahr, selbst zum "Herrn Doktor" zu werden, wenn er seine Erzähler mit weitschweifigen, gewundenen Mäandern, mit vielen "sei es", "oder aber", "vielleicht", "will heißen" in Hypothesen und Spekulationen fabulieren ließ. Doch konnten wir dies, genauso wie den altmodisch historisierenden Ton und das geradezu autoritär angewandte literarische Verfahren des auktorialen Erzählens in der "Belagerung von Lissabon", noch als Ironie durchgehen lassen. In dieser Heilsgeschichte ist Saramago nicht nur der fünfte Evangelist, sondern schwingt sich zum Allmächtigen auf, ohne Rollendistanz und Selbstironie. Das "Evangelium nach José Saramago": ein Weihnachtsmärchen.

Daß das "Evangelium nach Jesus Christus" in Portugal und anderen katholischen Ländern "heftigste Debatten über die Rolle der Kirche im Staat auslöste", Saramago von Anhängern des Erzbischofs Lefebvre sogar Morddrohungen erhielt, mag eine Aussage über die geistliche Verfassung der katholischen Kirche und ihrer Anhänger sein, mit Sicherheit ist sie kein Zeugnis für die Qualität dieses Romans.

Schleichen wir uns hinaus aus diesen 500 Seiten. Oder sollten wir das Werk vielleicht unserem Lissabonner Korrektor Raimundo Silva zur Überarbeitung geben? Nein! Ein "Nicht" allein würde nicht genügen.

Geben wir das Werk schnell ins moderne Antiquariat, und wenden wir uns ein letztes Mal Raimundo Silvas "Belagerung von Lissabon" zu und seiner Liebesgeschichte in der Altstadt Lissabons. Vom unglücklichen kleinen Korrektor zum Erfolgsautor, und auch noch glücklich...

Doch diese Gewißheit versagt uns Saramago. So lieben wir ihn. Leider ist die Geschichte zu Ende: "Raimundo legte den Kugelschreiber aus der Hand, er rieb sich die ermüdeten Augen, dann überflog er die letzten Zeilen nochmals, seine. Nicht übel, wollte ihm scheinen."

Von seinem Erkerfenster in Lissabon sieht Raimundo Silva den Himmel, die Erde und die Dinge dazwischen. Von seinem Dorf aus sah Fernando Pessoas Heteronym Alberto Caeiro die Welt. Möge Saramagos "Evangelium" von einem Double geschrieben sein, das sich nicht mehr zu Wort meldet! Damit José Saramago mit "Das Memorial" und "Geschichte der Belagerung von Lissabon" für den portugiesischen Roman das bleibt, was Fernando Pessoa für die portugiesische Lyrik ist: Weltliteratur.