Von Klaus Harpprecht

In der ZEIT fing es an, gut zwei Jahrzehnte ist es her: Das Blatt druckte dann und wann kleine Skizzen von Hisako Matsubara aus dem Alltag der Deutschen, in gefährlich exakten Strichen gezeichnet, mit einer Unschuld präsentiert, der man besser nicht traute. "Blick aus Mandelaugen", so der Titel jener Feuilletons, der das Klischee mit einem Hauch von Betulichkeit in sanften Rassenkitsch übersetzte. Er ließ die Stückchen nicht harmloser werden.

Zwei Jahrzehnte, der Schreiber gesteht es gern, waren nicht genug, sein Staunen über die japanische Frau zu mindern, die es zuwege gebracht hat, sich als eine Schriftstellerin in deutscher Sprache zu etablieren. Ihre Leistung läßt sich rasch ermessen: wenn gefragt wird, ob es denkbar sei, daß ein Autor deutscher Herkunft tief genug in die Welt des Japanischen vordringe, um Bücher in jenem fernen und fremden Idiom schreiben zu können. Die Antwort ist ein eher verlegenes Nein. Mit der Anpassungsfähigkeit der Intellektuellen des Westens ist’s, wie die Redensart deutlich genug sagt, nicht allzu weit her. Selbst Lafcadio Hearn, dieser wunderliche Ästhet griechisch-irischer Herkunft, der so beharrlich versuchte, die Augen der Europäer und Amerikaner für den Zauber Japans zu öffnen, hielt seine Vorlesungen an den Universitäten Japans lieber auf englisch.

Natürlich, sagt man rasch, die Adaptionsfähigkeit der Kinder Japans, die alles zu imitieren wissen... Doch vielleicht haben wir unterdessen begriffen, daß der Lernwille jener Gesellschaft ihre vitale Originalität nicht ausgelöscht hat; die japanische Literatur, die japanischen Filme, die Zeugnisse japanischer Kunst und, nicht nebenbei, der japanischen Mode beweisen es Tag für Tag. Das Talent zur Anpassung und die kollektive Disziplin stehen der schöpferischen Individualität nicht im Wege. Vielmehr läßt sich die Eroberung des Fremden auch als ein Prozeß der Emanzipierung verstehen. Hisako Matsubara legte uns mit ihren acht deutschen Büchern den eindrucksvollen Beweis vor: drei Romane, "Brokatrausch" der erste (ein großer Wurf), zwei essayistische Bände, die den Zugang zu ihrer japanischen Heimat zu öffnen vermochten, die Erzählung ihrer Kindheit unter dem Titel "Abendkranich", bisher wohl ihr schönstes Werk, am Anfang zwei Bändchen mit deutsch-japanischen Miniaturen, deren Charme sich aus ihrer Gabe zu kühl-genauer Beobachtung, einer belustigten Sympathie und, falls das Paradox erlaubt ist, einer distanzierten Art von Zärtlichkeit ergaben.

Mit ihrem jüngsten Roman "Karpfentanz" kehrte Hisako Matsubara zu dem Tempel des Vaters in der Kaiserstadt Kyoto zurück. Der gelassene und gütige Priester, von dem die Autorin in ihrem Kindheitsbuch ein so eindringliches Bild entwarf, verläßt in dieser Erzählung nur selten seine stille Studierstube, in der Menschen aller Stände, ob arm oder reich, hoch oder niedrig, ihre verschwiegenen Sorgen abladen. Er ist Beichtvater, Psychotherapeut und Kultmeister einer Gemeinde, die ihm ein unbegrenztes Vertrauen darzubringen gewohnt ist. Das seelsorgerische Talent des Guji, so sein Titel, scheint freilich vor dem verhärteten Gemüt seiner Frau zu versagen – eine Existenzschwierigkeit, die jene kleine Familie im Shinto-Tempel mit so manchem protestantischen Pfarrhaus in Deutschland und anderswo teilt. Man fragt sich, hier wie dort, wie es denn zuging, daß diese Weisen, in all ihrer gütigen Kenntnis des Menschenherzens, Opfer solch kalt-verbissner Megären werden konnten.

Die Tochter Saya entzog sich dem strengen Regiment der Mutter durch ihr Studium im Ausland und schließlich durch die Heirat mit einem deutschen Gelehrten, die von den Mitgliedern des verkarsteten japanischen Bürgertums höflich und eher heimlich, doch mit gnadenloser Schärfe mißbilligt wird. Nicht vom Vater, der sie nach Europa ziehen ließ, obschon er wußte, daß es ihr nicht leicht. werden würde, sich in die "grundfremde Welt des Westens" einzuleben. Er ahnte wohl, daß sie das Experiment mehr kosten mochte, "als es wert war". Um so härter mißbilligt die Mutter eine Ehe, die den sozialen Rang der Sippe zu beeinträchtigen droht. Die Chancen des braven Sohnes Ryo, eine Gefährtin unter den Töchtern der mächtigen und reichen Familien zu gewinnen, sanken durch Sayas Unbotmäßigkeit jäh in sich zusammen, zur bösen Enttäuschung der Mutter, die nur für den Sohn und seine Karriere lebt.

Hisako Matsubaras Portrait der Frau Mama ist kein Zeugnis der Liebe. Das kühle-Verständnis, mit dem sie die Psyche der sacht alternden Dame durchdringt, rechtfertigt sich durch die Notwendigkeit, den Blick der Leser auf ein Phänomen der japanischen Gesellschaft zu lenken, das arglose Bürger des Westens überraschen mag: die Herrschaft der Mütter, die auf paradoxe Weise mit dem Machismo des Landes korrespondiert; erfahrene Beobachter sprechen von einem verschwiegenen Matriarchat. Der Weg zu einer Partnerschaft zwischen Mann und Frau, die den Namen verdiente, zur Gleichberechtigung und zu einer freien Koexistenz der Geschlechter mag in Japan noch ein wenig weiter und schwieriger sein als anderswo. Doch um so energischer üben Frauen die Macht aus, die ihnen aus der Tradition überkam: über die Kasse und die Kinder. Oft teilen sie dem Mann sein Taschengeld zu, mit dem er die Ausgaben für Zigaretten und Zeitungen, den Whisky, die Hostessen, vielleicht auch für die Freundin zu bestreiten hat. Sie kontrollieren die Erziehung. Durch ihre einschüchternde Dominanz über die Söhne verschaffen sie sich eine emotionale Kompensation für die Einsamkeit, zu der sie im Alltag verurteilt sind.