Das Problem der Mutter, an dem Japan leidet, verbindet das Land in einer ironischen Allianz mit den Vereinigten Staaten, deren Gesellschaft sich so lange dem "Mom-Kult" unterwarf, gegen den der Schriftsteller Philipp Wylies einst in seinem polemischen Essay "A Generation of Vipers" voller Haß zu Feld zog. Er hinterbrachte uns, daß die Besatzungen der amerikanischen Kriegsschiffe im Zweiten Weltkrieg sich zur Parade an Bord gern nach den Lettern MOM formierten. Und Jan Buruma, der das komplexe Gefüge der Gesellschaft des modernen Japan mit einem bewundernswert sensitiven Gespür beschrieb, klärte uns darüber auf, daß der letzte Schrei der Kamikaze-Flieger, ehe sie sich auf den Feind und in den Untergang stürzten, nicht dem Tenno, nicht dem Vaterland, sondern der Mama gegolten habe.

In seinen Studien schilderte er die "Hätschel-Paradiese", in denen die japanischen Knaben bis an die Schwelle der Schulpflicht eine unbemessene Verzärtelung und Verwöhnung durch die Mütter genießen, um danach mit liebender Härte in die Welt des Lernens und der Leistung, der Konkurrenz und der Karriere gestoßen zu werden. Pflicht der Söhne ist es, die Hoffnung der ehrgeizigen Mütter durchs Leben zu tragen, und sie schulden es ihrer liebevollen Tyrannis, sich am Ende mit einer Frau zu verbinden, die der gütigasexuellen Mama völlig entspricht. Wohl ist es wahr, daß nur noch ein geringer Teil der japanischen Ehen von den Eltern – mit Hilfe der professionellen oder der freiwilligen Mittler – ausgehandelt wird. Dennoch bezeugt die Mehrheit der jungen Männer, sie wünsche sich Frauen, die den Müttern gleichen. In der Tat: hinauf zu den Müttern, den unerbittlich liebevollen und herrisch entsagenden, die an der Wiege des japanischen (auch koreanischen) Wunders kauern.

Hisako Matsubaras Roman, der uns in die sechziger Jahre zurückführt, hat seine Aktualität nicht eingebüßt. Er berichtet, wie der arme Bruder Ryo, dem der liebe Gott kein Übermaß an Intelligenz und Vitalität zukommen ließ, vom brennenden Ehrgeiz der Mutter durch die besten Schulen und Universitäten des Landes gepeitscht wird, um sich hernach als geduckter Angestellter einer der großen Banken wiederzufinden, dazu verurteilt, tagaus, tagein hinter den immer höher gesteckten Normen der Leistung herzujapsen – von der Mutter bewacht, die das Hauptwerk ihres Daseins gefährdet sieht, als der schüchterne junge Mann einen hilflosen Versuch der Rebellion wagt: Für einen Augenblick läuft er dem Verlangen nach, eine hübsche und kluge Kollegin zu heiraten, die ihn liebt.

Nichts da. Jene junge Frau hat das Unglück, aus einem schlichten Hause zu stammen; sie hat keine Chance. Der mächtige Herr Saito, der respektable, Mittler, aber ebnet den Weg zu der Erbin eines tüchtig-ordinären Geschäftsmannes: nicht die erste Wahl, weiß Gott nicht, doch dank seines Vermögens ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Seine Tochter ist eher füllig geraten, watschelfüßig, gesichts- und konturlos. Um das Schlimmste nicht zu verschweigen: Sie hat weder Nacken noch Hals, vielmehr wuchs ihr der Kopf übergangslos direkt aus dem Rumpf. Damit entbehrt die Bedauernswerte den entscheidenden Hort der Anmut, denn ohne die edle Nackenlinie sind Ästhetik und Erotik verloren. Der Sohn hätte Besseres verdient, und er hätte es leicht erlangt, hätte die Mutter nur Geduld und Bescheidung geübt. Denn der Sprößling stolpert nach der Trauung eine steile Stufe in der Karriere empor.

Zu spät. Der Prozeß der psychischen Kastration, den Hisako Matsubara an dem Brüderchen durchexerziert, läßt sich nicht rückgängig machen. Die Seele des Armen ist verstümmelt. Ihm bleibt nichts anderes, als sich, die watschelfüßige Gattin an seiner Seite, in den rat race zu stürzen, von dem die Amerikaner reden: die Konkurrenz der streberischen Elite – den Tanz der Karpfen, nach der japanischen Metapher, die im Teich des Herrn Saito mit schlagenden Flossen und gierigen Mäulern ums Futter kämpfen. Die Geschichte einer Demütigung.

Hisako Matsubara schrieb auch dieses Buch auf deutsch, obwohl sie seit fast einem Jahrzehnt in Amerika lebt. Der Aufenthalt in einem anderen Sprachraum hatte auf die Qualität ihrer Prosa keinen Einfluß. Dennoch ist anzunehmen, daß sie – auch in den Büchern – der Integrationskraft der Vereinigten Staaten auf die Dauer nicht widerstehen wird.

Oder? Das größere Deutschland, in dem die Prominenz vom Schlag Heiner Müller mit dem wilhelminischen Hokuspokus der Unterscheidung von deutscher "Kultur" und westlicher "Zivilisation" hausieren geht, ohne von allen Dächern ausgepfiffen zu werden, in dem der abgestandene "Kultur-Hochmut" der deutsch-nationalen Urgroßväter seine Papierblüten treibt, aufgemotzt von den Nationalisten der Linken und der Rechten, in dem die Furcht vor "Überfremdung" Tag für Tag eine solch bemitleidenswerte soziale Impotenz demonstriert; Hisako Matsubara wird dieses Land nur noch zögernd als ihre Wahlheimat betrachten können. Ihren deutschen Ro-