Von Michael Thumann

Ljubljana

Im Briefkasten der slowenischen Vertretung in Genf lag jüngst Post von der Nato, mit der richtigen Adresse, aber dem Namen des Botschafters der Slowakei. Ein kleiner Irrtum der Brüsseler Bürokraten, aber einer, der die Slowenen an ihrer empfindlichsten Stelle trifft – ihrer Verwechselbarkeit. Das Zweimillionenvolk am Südrand der Alpen fühlt sich verkannt: Slowenien ist nicht die von Minderheitenproblemen geplagte Slowakei und schon gar nicht Slawonien, das von Serben und Kroaten umkämpfte Gebiet 250 Kilometer weiter südöstlich.

„Gerade Nachbar Kroatien ist ein Mühlstein an unserem Hals“, klagt der Vorsitzende des außenpolitischen Parlamentsausschusses Zoran Thaler. „Wir wollen nicht als Zwillinge gesehen werden“, sagt er. Die Gleichsetzung behindere sein Land. Schließlich seien nur die Kroaten „tief im Schlamassel versunken“, während der Balkankonflikt für die Slowenen ein schnelles Ende nahm. Nach einem Zehntagekrieg im Sommer 1991 zog sich die Jugoslawische Bundesarmee zurück. Der kleine Staat ohne Minderheiten wurde unabhängig und von der Welt anerkannt – Slowenien blieb auf der Sonnenseite Jugoslawiens. Schatten werfen heute kleine Reibereien mit Kroatien, ein Streit über Grenzverläufe und Straßenneubauten, Schatten wirft auch ein Zwist mit Serbien um das Vermögen des untergegangenen Staates.

Dies seien nur noch Rückzugsgefechte auf dem Weg „vom Balkan nach Mitteleuropa“, versichern slowenische Politiker. Sie lassen Besucher mit Karten versorgen, auf denen durch Entfernungsradien angezeigt wird, daß München und Wien Ljubljana näher liegen als die einstige Hauptstadt Belgrad. Ein Spaziergang durch die neue Hauptstadt, das alte Laibach, verfestigt den Eindruck: Sie trägt mit ihren Barockkirchen und Jugendstilbauten ein habsburgisches Gewand. Das ist kein Zufall, war doch die Region Krain, die einen guten Teil Sloweniens ausmacht, bis 1806 Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, bis 1918 österreichisches Kronland. Der slowenische Nationaldichter France Prešeren schrieb neben seiner Heimatsprache auch auf deutsch.

Mit zunehmendem Abstand sehen viele Slowenen auch ihr Verhältnis zum untergegangenen Jugoslawien entspannter. Für den Historiker Janko Prunk war Jugoslawien alles andere als ein „Völkerkerker“: „Wir haben in den 73 Jahren unser Selbstbewußtsein gestärkt und unseren Wohlstand gemehrt.“ Trotz des blutigen Abschieds von Jugoslawien 1991 veranstalteten die Slowenen keine spektakulären Denkmalstürze. Zwar gibt es keine Tito-Straße mehr, aber der enge Mitstreiter des einstigen jugoslawischen Führers, der Slowene Edvard Kardelj, blieb unangetastet. Der in Bronze gegossene Sozialist steht immer noch gegenüber dem Parlament – in pathetischer Pose. Doch niemand sieht mehr hin. Glassplitter und Taubenkot verunzieren das Monument, der Schriftzug ist abgefallen. Wozu Kardelj stürzen, wenn er von selbst dahinwittert? Diese Haltung spiegelt die weiche Wende in Slowenien.

Der heutige Präsident war zugleich der letzte kommunistische Parteichef des Landes. Milan Kučan, von der Bevölkerung 1992 mit überwältigender Mehrheit im Amt bestätigt, hat sein Land beharrlich in die Unabhängigkeit geführt. Er vermeidet die große Pose. Der auch im Ausland hoch angesehene Präsident blickt bescheiden auf den Boden, wenn er erklärt: „Wir sind den Extremen ausgewichen, haben die Revolution wie den Revanchismus gemieden. Denn beides kann die politische Energie blockieren oder gar in die falsche Richtung lenken.“ Die große Abrechnung im Lande blieb aus. So regiert seit Januar 1993 eine große Koalition, die sich von den Reformkommunisten über die Liberaldemokratische Mitte bis zu den Christdemokraten und einer kleinen Rechtspartei spannt. Fast alle Gegner, die in der Opposition gefährlich werden könnten, hat der liberale Ministerpräsident Janez Drnovšek bisher mit einem Regierungsamt ruhiggestellt. Seine Therapie gegen zerrüttenden Streit, die Kinderkrankheit der jungen Demokratien im Osten, ist die Umarmung. Im Kurort Bled verschmolzen jüngst seine Liberaldemokraten mit drei kleinen Oppositionsparteien, darunter den Grünen, zur stärksten Kraft des Landes. Vor der großartigen Kulisse der Julischen Alpen bei Bled feierte die politische Mitte sich selbst und ihren Architekten Drnovšek.

Doch die Sehnsucht nach Harmonie und Händeschütteln wurde in der vergangenen Woche jäh enttäuscht. Die Aktivitäten des Verteidigungsministers Janez Janša erschütterten den Koalitionsfrieden. Eine Sondereinheit seines Sicherheitsdienstes verprügelte auf offener Straße einen ehemaligen Mitarbeiter des Ministeriums. Der mißhandelte Mann wurde wegen angeblicher Spionage verhaftet. Dieses Muster ist bekannt – aus vordemokratischen Zeiten. Der Verteidigungsminister selbst wurde damals als Opfer prominent: Zu jugoslawischen Zeiten saß Janša wegen Geheimnisverrats im Gefängnis. Das machte ihn zum slowenischen Volkshelden.

Seine jetzige Wandlung vom Opfer zum Täter löste einen Sturm der Entrüstung aus, dem Drnovšek nicht standhalten konnte und wollte. Er entließ den selbstherrlichen Minister. Trotz des schnellen Abgangs quälen den Regierungschef weiter Sorgen: Erstens muß er dringend die Sicherheitsdienste entmachten, die die junge Demokratie eher gefährden denn schützen. Zweitens ist mit Janša ein umtriebiger Mann außer Kontrolle des Kabinetts geraten. Seine Gefolgsleute im Militär werden weiter zu ihm halten, während er das Volk mit eingängigen Botschaften versorgt. Der erst 35jährige sieht seine Mission im Kampf gegen die „alten Kräfte“. Dazu gehören die „Kommunisten in allen Parteien“, dazu zählt er auch den Präsidenten. Bislang führt Janša eine Splitterpartei. Aber seine Chancen wachsen, wenn sich die Wirtschaft nicht erholt und Schuldige gesucht werden sollten. Die slowenische Industrie erwartet zwar in diesem Jahr zum ersten Mal ein geringes Wachstum, aber sie tut sich schwer mit der Privatisierung. Nach langem Zwist hat das Parlament im November 1992 endlich ein Gesetz verabschiedet, sechzehn Monate nach dem Unabhängigkeitskrieg. Das neue Recht sichert Managern und Angestellten der Betriebe Vorrang vor ausländischen Käufern. Doch die Firmen haben es nicht eilig mit dem Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Nicht einmal zehn Prozent stellten bisher einen Antrag auf Umwandlung. Derweil genehmigen sich Bosse und Belegschaften in unheiliger Allianz kräftige Lohnerhöhungen. „Wir wollen die Früchte des Kapitalismus genießen, ohne dafür zu bezahlen“, bilanziert der Volkswirtschaftsprofessor Jože Mencinger. Ausländer investieren deshalb lieber in Ungarn als in Slowenien.

Was die Anleger irritiert, verhinderte jedoch den Zerfall der slowenischen Gesellschaft. Vor den eleganten Geschäften im Stadtzentrum von Ljubljana bettelt niemand wie in anderen Reformstaaten Ostmitteleuropas. Die Kriminalität ist vergleichsweise gering. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt immerhin schon vor jenem der EU-Länder Griechenland und Portugal. Und wer die hohen Lebensmittelpreise nicht bezahlen kann, der wird meist von Verwandten auf dem Lande versorgt.

Immerhin steigen die Preise nur noch langsam. Der Regierung ist es durch eine rigorose Finanzpolitik gelungen, die Inflation im vergangenen Jahr auf 23 Prozent zu senken und die Devisenreserven kräftig aufzustocken. Die Talfahrt der Wirtschaft konnte aufgehalten werden – auch dank der Leichtindustrie. Während Stahlkochereien und Motorenwerke immer noch schwer unter dem Verlust des jugoslawischen Markts leiden, gelingt es Firmen wie dem Pharmakonzern Lek, neue Märkte zu erobern: in Polen, in Rußland, sogar in Japan und Deutschland.

Auf diesen Unternehmen ruhen die Hoffnungen der Slowenen beim Wettlauf in die europäischen Organisationen. Sie schielen nicht ohne Neid auf die Nachbarn, auf Ungarn, Polen oder Tschechen, die längst Assoziationsverträge mit der Europäischen Union geschlossen haben. Außenpolitiker Thaler vergleicht sein Land mit „einer schönen Frau, die niemand in den Arm nimmt, weil sie eine verdächtige Vergangenheit hat – Jugoslawien“. Präsident Kučan und andere hoffen auf Erlösung durch die Deutschen, nicht ohne Grund. Ein deutscher Kavalier nämlich hat sich in den Augen der Slowenen ritterlich verhalten: der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Vor zwei Jahren boxte er ohne Furcht, wenn auch mit Tadel, die EG-Anerkennung des Landes durch. Ein Chauffeur, der den starken Mann vom Rhein damals durch Ljubljana fuhr, schwärmt noch heute: „Ein guter Mensch, ein Freund.“