Von Christian Wernicke

Mexiko-Stadt

Da steht er nun und blickt ins Leere. Trotzig streckt Mario Aburto Martínez seinen Lockenkopf in den Nacken, während sich vor dem dicken Panzerglas die Photographien um ein Bild von ihm drängeln. Der 23jährige Hilfsarbeiter schweigt. Warum er am Mittwoch voriger Woche Luis Donaldo Colosio erschoß, bleibt sein Geheimnis – "und wenn sie mich foltern!" Der Mörder des mexikanischen Präsidentschaftskandidaten reklamierte vage "pazifistische Ideen"; er wollte sein Opfer angeblich "nur verletzen". Aber ansonsten hat er auf Fragen der Staatsanwälte nur eine Antwort: "Ich verweigere die Aussage."

Daß dieser Zeuge Jehovas und Sohn einer armen Familie seinen Finger um den Abzug des Revolvers legte, haben die Schmauchspuren auf seiner Haut bewiesen. Doch nur einige Diplomaten aus Europa und den Vereinigten Staaten können sich vorstellen, der Attentäter von Tijuana habe auf eigene Faust gehandelt. Für die Mexikaner steht fest: Ein solcher Niemand wird nicht ohne Hintermänner zum Prinzenmörder. Wer dem Kandidaten der PRI, der nunmehr seit 65 Jahren regierenden Partei der Institutionalisierten Revolution, in Kopf und Unterleib schießt und so den designierten Präsidenten, einen König auf Zeit also, niederstreckt, der muß im Auftrag finsterer Mächte gehandelt haben. Der rechten und linken Opposition traut dieses kaum jemand zu. Aber vielleicht war es die mächtige Drogenmafia hier im Nordwesten des Landes oder gar ein Todesbote aus der Rebellenregion im Süden, aus Chiapas. Kamen die beiden Kugeln am Ende der Wahlversammlung gar aus den eigenen Reihen, bestellt und bezahlt von verbitterten Parteifreunden? Die Antwort weiß bislang nur Mario Aburto selbst.

Seit Luis Donaldo Colosio in den Staub stürzte, taumelt das ganze Land. Seine Anhänger trauern, auch viele Gegner vergießen Tränen. Ein Volk steht unter Schock. Die allmächtige, unverwundbar geglaubte Staatspartei wankt – und mit ihr Mexikos ehernes politisches System, diese Mischung aus Paternalismus und Patronage, Kontrolle und Korruption. Gebannt schauen selbst Straßenhändler hinauf zu den Reichen an der Börse, ob die Aktienkurse fallen, ob der Peso in den Abgrund stürzt. Unsicherheit, ja Furcht hat sich über das Land gelegt. Erst zerstörte der indianische Zapatisten-Aufstand die Illusion innerer Stabilität, dann gab die Entführung eines mächtigen Bankiers Rätsel auf. Und nun dies.

Wortgleich geißelten Präsident Carlos Salinas de Gortari und der PRI-Feind Nummer eins, der Rebellenkommandant Marcos aus Chiapas, die Tat als "feigen Mord". US-Präsident Clinton kondolierte und stellte sechs Milliarden Dollar Kredit bereit als psychologischen Beistand gegen die Spekulationen über Mord, Chaos und Unruhe. An der Grenze, wo mancher Nordamerikaner am Horizont schon eine neue Flüchtlingswelle heraufziehen sah, war der Wert des Peso in den Wechselstuben kurzfristig auf fast die Hälfte gefallen. Mexikos Armee ist in Alarm versetzt, und die Guerilla in den Wäldern des Südens unterbrach ihre Beratungen über das Friedensangebot der Regierung. Die Schüsse in Tijuana, so erklärten die Aufständischen, seien nur "das Vorspiel" einer militärischen Offensive des Regimes, man werde "das Land der Zapatisten bis zum letzten Mann verteidigen".

Auch in den Städten geht die Angst um. An den Abenden nach dem Attentat blieben viele in Tijuana lieber zu Hause; in der Kapitale raunen sich Menschenrechtler und Regimekritiker leise etwas von der Gefahr eines "schmutzigen Krieges" zu. Man weiß, daß Teile innerhalb der alten Staatspartei seit langem beklagen, die Regierung habe "zu lasch" auf die Rebellion in Chiapas und manch verständnisvollen Zeitungskommentar reagiert. Solchen Kräften trat ausgerechnet Octavio Paz zur Seite: Stunden nach dem Mord an Colosio insinuierte der greise Literaturnobelpreisträger, schuld an der neuen "Welle der Gewalt" sei auch so manche "Apologie" aus intellektueller Feder. Gleichzeitig gingen die ersten Bombendrohungen bei den Redaktionen ein.