Eines Tages, mitten im Krieg im besetzten Den Haag, wurde dem SS-General Hanns Albin Rauter ein junger Rechtsanwalt mit den Worten vorgestellt: „Das ist Herr Calmeyer, der wird mal berühmt wie der Bismarck. Was bei dem die Bismarck-Heringe, sind bei Herrn Calmeyer die Calmeyer-Juden.“

Hans Georg Calmeyer hat während des Holocaust so viele Juden gerettet wie wohl kein zweiter Deutscher. Berühmt wurde er deshalb nicht. Seine Geschichte ist in Deutschland bis heute unbekannt.

Dabei gehörte Calmeyer, der findige Saboteur der „Endlösung“, in eine Reihe mit den großen Widerstandskämpfern – deren Taten, Gedanken, Lebensläufe eine ganze Bibliothek füllen. Hans Georg Calmeyer sind lediglich ein paar Zeitungsartikel gewidmet, die im Archiv der Osnabrücker Lokalzeitung vergilben.

Seine Geschichte ist dokumentiert in Kladde 4997, Archiv der Gedenkstätte Jad Vaschem. Im fernen Jerusalem, nicht in der Bundesrepublik, erschien auch jene Studie, die nachweist, daß Calmeyer mindestens 2899, wahrscheinlich 5000 Juden vor dem Tod bewahrte. Israel, nicht die Bundesrepublik, hat Calmeyer 1992 posthum ausgezeichnet.

Hans Georg Calmeyer ist nach dem Krieg an der Vergangenheitsvergessenheit der Bundesrepublik verzweifelt. In Osnabrück wußten die wenigsten, wie Calmeyer während des Krieges gewirkt hatte. Er selbst erzählte kaum je davon. „Es hört ja niemand zu!“ schrieb er verbittert. Einer holländischen Zeitung sagte Calmeyer 1963, Sabotage verübt zu haben, das sei in der Bundesrepublik keine Empfehlung für einen Rechtsanwalt. Da blieben die Mandanten weg.

Calmeyer leitete im besetzten Holland eine Entscheidungsstelle über Leben und Tod. Seine Abteilung bei der Besatzungsverwaltung sollte „rassische Zweifelsfragen“ klären. Calmeyer nutzte diese Position, um, wie er sagte, „ein Rettungsfloß zu bauen“.

Für seine Abteilung gewann er als Mitarbeiter ausschließlich Gesinnungsgenossen. Sein Büro war nichts anderes als eine amtliche Fälscherwerkstatt. Mit grotesken bürokratischen Tricks und Schwindeleien „entsternte“ er Juden. Calmeyer akzeptierte jedes windige Dokument, wenn es nur zu belegen schien, daß ein Jude kein Jude war. Jedes pseudowissenschaftliche Gutachten irgendeines Anthropologen war Calmeyer gut genug. Jene, die er beim besten Willen nicht als „Arier“ anerkennen konnte, warnte er vor der Ablehnung, damit sie eine Chance hatten zu fliehen. Frauen gab er den Tip zu behaupten, sie hätten Ehebruch mit einem Nichtjuden begangen; dann könne er helfen, die Kinder per Verwaltungsakt zu retten. So entstand das geflügelte Wort von den „gecalmeyerten Juden“, und in den jüdischen Gemeinden verbreitete sich blitzartig das Gerücht von der Schutzwirkung der „Calmeyerlijst“.