Von Michael Schwelien

Zum Newroz grüßten sie das "kämpferische Volk", dann nahmen sie sich das Leben. Nilgün Yildirim und Bedriye Taş Übergossen sich auf der kurdischen Neujahrsfeier am Neckarufer zwischen Mannheim und Ludwigshafen mit Benzin, zündeten sich an und starben im Krankenhaus an ihren Verbrennungen. Nach spontanen Gefühlsaufwallungen sehen die Verzweiflungstaten nicht aus. Die beiden jungen Frauen, 21 und 23 Jahre alt, hinterließen einen gemeinsamen Abschiedsbrief. Unter den Decknamen "Berivan" und "Ronahi" ließen sie "Präsident Apo" (den Generalsekretär der Kurdischen Arbeiterpartei, Abdullah Öcalan), die "PKK", die "Nationale Befreiungsfront" und den "Internationalismus" hoch leben. Die Revolution, das habe die Partei "betont", müsse von Europa nach Kurdistan getragen werden. Von den Frauen erwarte die Revolution "große Taten": "Fangen wir bei uns selber an."

Dreizehn handschriftliche Zeilen ohne ein einziges persönliches Wort. Wenn der Brief tatsächlich allein von den beiden Frauen stammt, dann zeugt er von einer geradezu unheimlichen Disziplin, welche die PKK ihren Mitgliedern abverlangt. Aber erst recht, wenn ihnen Formulierungshilfe gegeben wurde: Freitod als Fanal.

Ob solche demonstrativen Selbstmorde nicht eher Ängste auslösen und ob die Gewalttaten der vergangenen Woche nicht abstoßend auf eine den Kurden im großen und ganzen wohlgesonnene deutsche Bevölkerung wirken? Selahattin Çelik verneint rundheraus. Die Schuld liegt bei den deutschen Behörden: "Wenn das Neujahrsfest nicht verboten worden wäre, würden sie noch leben." Çelik ist Mitarbeiter der Zeitung Özgür Gündem ("Freie Tagesordnung"). In die Kölner Europavertretung dieses wichtigsten kurdischen Blattes kehrte er erst kürzlich zurück. Er war einer der Angeklagten im Düsseldorfer Staatsschutzprozeß gegen neunzehn der Verfolgung und der Ermordung von "Abtrünnigen" und "Verrätern" bezichtigte Kurden. Der nach viereinhalb Jahren Anfang März abgeschlossene Prozeß endete für Çelik mit der Einstellung wegen Geringfügigkeit.

Er selber weiß gar nicht, weshalb er schließlich entlassen wurde. Er kennt die Paragraphen der Strafprozeßordnung ebensowenig, wie er sich ohne Dolmetscher auf deutsch verständigen kann. Aber dies weiß er: Nur bis 1990 habe die PKK auf den "bewaffneten Kampf" gesetzt. In jenem Jahr habe die Partiya Kărkěren Kurdistan Gewerkschaften, Kulturzirkel und eine eigene Presse ins Leben gerufen, damit die Waffen schweigen können. Die Kurden in Deutschland, vielleicht eine halbe Million, seien politisch gebildet. Ihnen sei klar, daß sie Recht und Gesetz "eines fremden Landes" zu achten haben. Es wäre ein "banaler Linksradikalismus", Deutschland des "Imperialismus" zu bezichtigen. "Aber", und Çelik hat gleich zwei "Aber", die seinen Vortrag über die Friedfertigkeit der PKK konterkarieren, "aber das Vorgehen der Polizei heute erinnert an das der Nazis" und: "Die deutsche Regierung zwingt uns den Terror auf."

Er war dabei, als Ronahi und Berivan – "sie waren beide erwachsen, beide gebildet" – sich das Leben nahmen. Und er heißt ihre Tat gut: "Das Ergebnis ist richtig." Schwingt denn gar kein Mitgefühl ob des jähen Todes mit, kommt in ihm kein Hauch von Zweifel hoch, ob die beiden sich womöglich vergeblich geopfert haben? Schon bei der Frage fällt der Dolmetscher ins Wort: "Sie kennen die Kurden nicht!" Celik versteht es geschickter, solche Fragen umzudrehen: "Hätten sie denn die Polizi angreifen sollen?"

Nach den Autobahnblockaden, den Angriffen auf Polizisten und den Bränden meldeten sich auch kurdische Verbände zu Wort, die Gewalt unmißverständlich verurteilen. Aber bisher hatte niemand etwas von ihnen gehört. Sie scheinen weit weniger Rückhalt unter den Kurden zu haben als die trotz Verbots weiter agierende PKK. Viel deutet darauf hin, daß die Verbotsverfügung des Bundesinnenministeriums die PKK nicht etwa isolierte, sondern ihr mehr Zulauf bescherte.