Wenn die Gräfin von Maltzan noch reden wollte, dann würde sie vielleicht zuerst vom 19. Mai 1943 erzählen, dem Tag, als die Nazis Berlin für judenfrei erklärten. Ob sie da leise gelächelt hat? Drei Juden lebten heimlich in ihrer Wohnung in der Reichshauptstadt.

Aber die Gräfin redet nicht. Sitzt in ihrer Wohnung in der Kreuzberger Oranienstraße und will nicht mehr interviewt werden. 85 ist sie jetzt, immer noch eine Erscheinung, auf die das Wort wuchtig am besten paßt. Wuchtig und alt. Sie hört nicht mehr richtig und braucht Hilfe, um über den Tag zu kommen. Das ist normal in diesem Alter und doch ganz besonders traurig, weil hier eine einst ungewöhnlich starke Frau langsam ihre Kraft verliert. Es gab eine Zeit, da half Maria Gräfin von Maltzan anderen, um über die Tage, über die Jahre zu kommen.

Wolfgang Hammerschmidt redet. Er sitzt in seinem Häuschen im hessischen Schlangenbad und erinnert sich an den 15. März 1945, als er bei der Gräfin von Maltzan vor der Tür stand. Krank, abgerissen, hungrig, verzweifelt, gehetzt. Wenige Tage zuvor war er noch in den Krallen der Gestapo gewesen, hatte schon die Hodenquetsche gesehen, die ihm Geständnis und Verrat abpressen sollte, und ist noch knapp entwischt. Wie schon zuvor aus einer „Bewährungskompanie“ der Organisation Todt, wo er als sogenannter Halbjude Schwerstarbeit leisten mußte. Sechs Wochen lang versteckte ihn die Gräfin von Maltzan in ihrer Wohnung in der Detmolder Straße, wo schon ihr jüdischer Freund Hans Hirschel Unterschlupf gefunden hatte.

Dort traf Hammerschmidt auch Tamara Segal, die ebenfalls redet. Sie sitzt in ihrem winzigen Appartement in Ramat Gan bei Tel Aviv und denkt an den Tag im Jahr 1942, als die Gräfin von Maltzan in einem Kinderheim am Alexanderplatz auftauchte, wo sie nach Haushaltshilfen suchte. Umringt von heulenden Kindern, entschied sie sich für Tamara, damals zwölf, sowie deren kleiner Schwester. Die Mädchen waren aus Minsk verschleppt worden und hatten gefälschte ukrainische Papiere, in denen nichts von den jüdischen Eltern stand. Unbehelligt lebten sie bis Kriegsende in der Detmolder Straße.

Die Gräfin sagt dazu nur einen Satz: „Es steht doch alles in den Memoiren.“ „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht“, heißt das Buch (Ullstein), kein Kunstwerk, fast eine Abenteuersammlung. Als die Gräfin von Maltzan ein kleines Mädchen war, lebte sie in Schlesien auf einem Schloß, das auch einen König nicht beleidigt hätte. Doch wollte sie nicht nur Tochter aus gutem Hause sein, ging nach München, studierte Naturwissenschaften, ging nach Berlin und wurde Tierärztin.

Die Nazis mochte die Gräfin nicht. Sie schließt sich aus antifaschistischer Überzeugung Widerstandsgruppen an und hilft aus humaner Einsicht Juden. Sie schießt und wird angeschossen. Sie besticht und schmuggelt. Sie fälscht und versteckt. Sie wird verhaftet, kommt frei und macht weiter. Als die Gestapo ihre Wohnung durchsucht, kauert Hans Hirschel im Hohlraum eines Sofas. Nach dem Krieg schreibt er an die Gedenkstätte von Jad Vaschem: „Ich schätze, daß ihr und ihrem Einsatz allein sechzig Menschen ihr Leben verdanken.“

Auch Botho-Max Holländer könnte noch leben, hätte er sich an die Anweisungen der Gräfin gehalten. Aber er verließ das Versteck in der Detmolder Straße, um sich mit seiner Frau zu treffen, für einen Juden lebensgefährlich. Er blieb unentdeckt, aber die Gräfin hat ihn rausgeschmissen, weil er sie und ihre Schützlinge in Gefahr gebracht hatte. Später erfuhr sie, daß Holländer in die Fänge der Gestapo geraten und in den Tod geschickt worden war. In ihren Memoiren heißt es dazu: „Obwohl ich mich nicht schuldig fühlte, habe ich unendlich unter dieser Nachricht gelitten.“

Es war eine Zeit, in der man Menschen preisgeben mußte, um andere zu retten. Wolfgang Hammerschmidt wäre in der Wohnung der Gräfin fast verhungert. Sie hatte ihm gleich gesagt, daß es für ihn dort nichts zu essen gebe. Schon ernährten sich vier Menschen von den Lebensmittelkarten der Gräfin. Hammerschmidt klaute rote Rüben aus ihren Kochtöpfen.

Er erlebte Maria von Maltzan als „sehr robuste, mutige Frau, die auf die Nazis in allen Tonarten schimpfte“. Doch dann wieder „taumelte sie stundenlang herum, ohne ansprechbar zu sein“. Für ein Leben wie das ihre war „sehr robust“ nicht genug. Die Gräfin von Maltzan brauchte starke Medikamente, um mit einem Alltag fertig zu werden, bei dem fast jede Entscheidung über Tod oder Leben bestimmte.

Die Sucht verdarb ihr den Start in die Nachkriegszeit. Maria von Maltzan, die im „Dritten Reich“ zu den Besten gezählt hatte, fiel ins Bodenlose. Sucht und Entzug wechselten in rascher Folge, sie verlor ihre Zulassung als Tierärztin, die Ehe mit Hans Hirschel zerbrach. Miese Jobs, Sozialhilfe, Suizidversuch – die ganze Palette.

Aber die Gräfin kam wieder. Kroch heraus aus dem schwarzen Loch, schüttelte die Sucht ab, erkämpfte ihre Zulassung zurück, ging mit einem Wohnwagen auf Tournee durch Deutschland, um Urlaubsvertretungen in Tierarztpraxen zu machen. Sie heiratete Hans Hirschel ein zweites Mal und ließ sich mit eigener Praxis in Kreuzberg nieder, wo sie den Punks die Hunde heilte. Doch für ein Happy-End eignet sie sich nicht. Überschuldet nach einem verpatzten Grundstücksgeschäft, blieb sie eine arme Frau.

Hollywood hat ihr Leben verfilmt („Versteckt“), in der Hauptrolle Jacqueline Bisset, die viel zu schön ist für ein solches Leben. Es folgte eine Zeit, da war die Gräfin ein bißchen berühmt, bollerte in Talk-Shows und gab Interviews. Niemand von den Geretteten, sagte sie 1983 einer Reporterin, habe sich je bei ihr gemeldet.

Warum nicht, Wolfgang Hammerschmidt? Nun sitzt er da in seinem Haus in Schlangenbad und muß Dinge sagen, die er nicht gerne sagt. Nach dem Krieg sei ihm hinterbracht worden, daß die Schwedische Kirche in Berlin, ein Hort des Widerstands, der Gräfin von Maltzan Versorgungspakete für ihn gegeben habe. „Aber ich bin fast verhungert, weil nichts bei mir ankam.“ An einen Irrtum, leicht möglich im Chaos des zerbombten Berlins, glaubt Hammerschmidt nicht. Gleichwohl sei er sehr dankbar. „Die Tatsache, daß sie mein Leben gerettet hat, ist unvergeßlich.“ Kontakt zu seiner Retterin will er aber nicht.

Da denkt Tamara Segal ganz anders. Hätte sie doch noch einmal ein bißchen Geld übrig, um nach Berlin zu fliegen. Wie schon 1992, gleich nachdem sie erfahren hatte, daß Maria von Maltzan noch lebt. Selbstverständlich hat sie die Gräfin wieder „Mutti“ genannt. Man hatte sich fünfzig Jahre zu erzählen.

Jetzt aber schweigt die Gräfin von Maltzan. Nickt mit dem Kopf zum Abschied und sagt doch noch etwas: „Vielleicht später, und wissen Sie, die Zeit war zu schlimm, um sich gerne daran zu erinnern.“ Dirk Kurbjuweit