Es war eine Zeit, in der man Menschen preisgeben mußte, um andere zu retten. Wolfgang Hammerschmidt wäre in der Wohnung der Gräfin fast verhungert. Sie hatte ihm gleich gesagt, daß es für ihn dort nichts zu essen gebe. Schon ernährten sich vier Menschen von den Lebensmittelkarten der Gräfin. Hammerschmidt klaute rote Rüben aus ihren Kochtöpfen.

Er erlebte Maria von Maltzan als „sehr robuste, mutige Frau, die auf die Nazis in allen Tonarten schimpfte“. Doch dann wieder „taumelte sie stundenlang herum, ohne ansprechbar zu sein“. Für ein Leben wie das ihre war „sehr robust“ nicht genug. Die Gräfin von Maltzan brauchte starke Medikamente, um mit einem Alltag fertig zu werden, bei dem fast jede Entscheidung über Tod oder Leben bestimmte.

Die Sucht verdarb ihr den Start in die Nachkriegszeit. Maria von Maltzan, die im „Dritten Reich“ zu den Besten gezählt hatte, fiel ins Bodenlose. Sucht und Entzug wechselten in rascher Folge, sie verlor ihre Zulassung als Tierärztin, die Ehe mit Hans Hirschel zerbrach. Miese Jobs, Sozialhilfe, Suizidversuch – die ganze Palette.

Aber die Gräfin kam wieder. Kroch heraus aus dem schwarzen Loch, schüttelte die Sucht ab, erkämpfte ihre Zulassung zurück, ging mit einem Wohnwagen auf Tournee durch Deutschland, um Urlaubsvertretungen in Tierarztpraxen zu machen. Sie heiratete Hans Hirschel ein zweites Mal und ließ sich mit eigener Praxis in Kreuzberg nieder, wo sie den Punks die Hunde heilte. Doch für ein Happy-End eignet sie sich nicht. Überschuldet nach einem verpatzten Grundstücksgeschäft, blieb sie eine arme Frau.

Hollywood hat ihr Leben verfilmt („Versteckt“), in der Hauptrolle Jacqueline Bisset, die viel zu schön ist für ein solches Leben. Es folgte eine Zeit, da war die Gräfin ein bißchen berühmt, bollerte in Talk-Shows und gab Interviews. Niemand von den Geretteten, sagte sie 1983 einer Reporterin, habe sich je bei ihr gemeldet.

Warum nicht, Wolfgang Hammerschmidt? Nun sitzt er da in seinem Haus in Schlangenbad und muß Dinge sagen, die er nicht gerne sagt. Nach dem Krieg sei ihm hinterbracht worden, daß die Schwedische Kirche in Berlin, ein Hort des Widerstands, der Gräfin von Maltzan Versorgungspakete für ihn gegeben habe. „Aber ich bin fast verhungert, weil nichts bei mir ankam.“ An einen Irrtum, leicht möglich im Chaos des zerbombten Berlins, glaubt Hammerschmidt nicht. Gleichwohl sei er sehr dankbar. „Die Tatsache, daß sie mein Leben gerettet hat, ist unvergeßlich.“ Kontakt zu seiner Retterin will er aber nicht.

Da denkt Tamara Segal ganz anders. Hätte sie doch noch einmal ein bißchen Geld übrig, um nach Berlin zu fliegen. Wie schon 1992, gleich nachdem sie erfahren hatte, daß Maria von Maltzan noch lebt. Selbstverständlich hat sie die Gräfin wieder „Mutti“ genannt. Man hatte sich fünfzig Jahre zu erzählen.

Jetzt aber schweigt die Gräfin von Maltzan. Nickt mit dem Kopf zum Abschied und sagt doch noch etwas: „Vielleicht später, und wissen Sie, die Zeit war zu schlimm, um sich gerne daran zu erinnern.“ Dirk Kurbjuweit