Von Wolfgang Zank

Zur Urteilsverkündung, es war der 1. April 1924, waren viele Interessierte und Sympathisierende in der ehemaligen Infanterieschule erschienen; dort tagte das Volksgericht für den Landgerichtsbezirk München I. "Die Ausgabe von Eintrittskarten war sehr freigebig gehandhabt worden", rapportierte ein Polizeibeamter. "Beim Eingang in die Infanterieschule stauten sich noch die mit Eintrittskarten versehenen Personen, als oben der Zuhörerraum (schön) ... überfüllt war. Unter den auf den Gängen sich aufhaltenden Personen sah man mehrere mit Blumensträußen... ... Kurz nach 10 Uhr erschienen die Angeklagten mit Ausnahme des erkrankten Oberlandesgerichtsrats Pöhner. Ludendorff, Kriebel, Röhm und Brückner trugen Uniform mit Ordensauszeichnungen."

Die zehn Angeklagten hatten einen (gescheiterten) Putsch gegen die Reichsregierung angeführt und damit Hochverrat, den Tod von zwanzig Menschen (darunter vier Polizeibeamte), Geiselnahme und bewaffneten Geldraub zu verantworten. Aber wie Gerichtsvorsitzender Georg Neithardt in der Urteilsbegründung ausführte, waren "bei Abwägung aller dieser Umstände... den Angeklagten mildernde Umstände zugebilligt worden". Insbesondere fiel ins Gewicht, "daß die Angeklagten bei ihrem Tun von rein vaterländischem Geiste und dem edelsten selbstlosen Willen geleitet waren".

Entsprechend milde fielen die Strafen aus. Vier Angeklagte wurden zu fünf Jahren ehrenvoller Festungshaft verurteilt, von denen nur sechs Monate zwingend abzusitzen waren; für den Rest stellte das Gericht Bewährung in Aussicht. Fünf Angeklagte erhielten ein Jahr und drei Monate auf Bewährung; der General a.D. Erich Ludendorff wurde in Anbetracht seiner Verdienste freigesprochen. Dieser reagierte allerdings äußerst ungehalten: "Ich empfinde diese Freisprechung als eine Schande, die mein Ehrenkleid und meine Ordensauszeichnungen nicht verdient haben."

Keinen Anlaß zur Urteilsschelte sah hingegen der Hauptangeklagte, ein – wie es im Urteil hieß – am 20. April 1889 in Braunau (Oberösterreich) geborener "Schriftsteller". Während des Prozesses hatte er selbstbewußt erklärt: "Ich protestiere dagegen, daß Herr Oberstleutnant Kriebel erklärt, er habe die Verantwortung für den Vorgang. Er hat keine Verantwortung. Ich trage sie allein. Ich allein habe letzten Endes die Sache gewollt, die anderen Herren haben nur zum Schluß mit mir gehandelt."

Wie er genau wußte, hätte das Gericht bei Anwendung der Gesetze auf Todesstrafe erkennen müssen. Und wie dem Angeklagten aus Österreich ebenfalls klar war, verlangte das Republikschutzgesetz zwingend die Ausweisung straffällig gewordener Ausländer aus Deutschland. Das hätte für ihn das politische Todesurteil bedeutet. Aber Richter Neithardt praktizierte auch in diesem Punkte ein Rechtsverständnis eigener Art: "Er [der Angeklagte] betrachtet sich als Deutschen. Auf einen Mann, der so deutsch denkt und fühlt..., kann nach Auffassung des Gerichtes die Vorschrift des § 9 Abs. II des Republikschutzgesetzes keine Anwendung finden."

Der Prozeß fand im ganzen Reich große Aufmerksamkeit. Ohne störende Eingriffe des Vorsitzenden hatte der Hauptangeklagte in stundenlangen Reden seine Weltanschauung erläutert. "Doch ein kolossaler Kerl!" meinte einer der Beisitzer nach der ersten dieser Reden. Ein Prozeß mit ungeahnten Propagandamöglichkeiten, dazu noch eine Strafe, die gerade hoch genug war, um ihn mit der Aura des Märtyrers zu umgeben, während sie gleichzeitig viel zu niedrig war, um ihn ernsthaft zu behindern. Der Hauptangeklagte konnte wirklich zufrieden sein. Erst jetzt war Adolf Hitler ein Politiker von reichsweiter Bedeutung. Noch wenige Jahre vorher hätte niemand ihm diese Karriere prophezeien können.