Er hat die Filmidee geklaut, heißt es. Uns aber ist das völlig egal. Wir wollen uns mit staunenden Augen den Dingen im Dorothy-Chandler-Musikpavillon widmen. Oben die Ansagerin, unten die weite Welt: "The winner ist Pippi Denkword, Schwozforrer, Black Rider."

Da geschieht etwas Entsetzliches. Pippi erklimmt die Glitzerbühne, steht plötzlich dort, wo sonst Gold- und Spielberg triumphieren. Er tritt von einem Bein aufs andere, faßt sich unauffällig in die Brusttasche. Ein Stück Papier lugt hervor, ein kurzer Blick, schon hält er es in seinen Fingern. Und einen Moment lang sind wir zu Hause, in unendlicher Ferne, vor Schrecken starr. Eine Vision überfällt uns: Die Hand nähert sich blitzschnell dem Mund. Gleich wird das Zettelchen darin verschwunden sein, zerkaut und verschluckt. Dann ist es aus mit Dank und Rede, wird Pippi abgeführt, in Schmach entlassen, belächelt und verachtet, so wie die Alte im Rüschenhemdchen, in jener Zwölf-Minuten-Erzählung, die "Schwarzfahrer" heißt, von Pepe Danquart stammt und ein schlichtes Meisterstück ist. Wir werden es gleich ehren.

Zuerst aber muß etwas schonungslos geklärt werden: Der Schluß des Films ist nicht das Original. RTL (Herr Bremer vom Mitternachtssüppchen) hat es bewiesen, ein schwedischer Werbespot durfte es aufdecken: Neger verschlingen Fahrscheine von weißen Fahrgästen, Kontrolleure führen die Falschen ab. Und Pepe Danquart, ein früherer Hausbesetzer, militanter Szenefilmer und Mitbegründer der renommierten Freiburger Medienwerkstatt, hat sich den Tatbestand schamlos angeeignet. Wir aber wollen nichts mehr hören davon, nichts wissen von der entlastenden Zeitungsnotiz in der Süddeutschen, die den Vorfall (in Wien) zweifelsfrei belegt, geschweige denn von jener Augenzeugin, die unserem Pepe, so läßt sich unschwer ermitteln, vor Jahren schon ein wunderbares Abenteuer in einer (Basler) Tram schilderte. Statt dessen wollen wir einen Lobgesang anstimmen: auf ein kurzes Werk, subtil und schillernd wie kaum ein anderes.

Es beginnt mit einer schnellen Aufblende: Berlin dämmert in einen lauten Tag hinein. Eine Straßenbahn durchschneidet die Stadt, zerlegt Häuserberge und Straßenschluchten. Die Kamera schwenkt nach links, verläßt das Schienenwerk, tastet behutsam den Horizont ab, findet schließlich zurück und folgt neugierig der blinkenden Trassenspur. Es ist eine flüchtige Begegnung, rein zufällig und dennoch einem strengen Plan gehorchend.

Ein Bahnhof wird angefahren. Menschen wimmeln, steigen aus und ein, suchen hektisch das Weite. Dann sind wir an einer Haltestelle im Freien. Und müssen warten. Eine Frau rückt sich das Kostüm zurecht, umklammert ihre Tasche und erstarrt zur kühlen Schaufensterpuppe. Ein Männlein mit Schiebermütze schleicht vorüber, dreht sich um und kann die Augen nicht abwenden. Ein kleiner Junge lehnt über einer Pfütze. Als seine Mutter ihn hochzieht und ermahnt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Zwei Jugendliche üben sich im Heldengestus, wollen die beiden Mädchen, nicht weit entfernt, beeindrucken. Ein Motorradfahrer ist ganz verzweifelt, tritt ein ums andere Mal das Startpedal. Da kommt die Straßenbahn. Er läuft hektisch los: eine traurige Witzfigur (Stefan Mark) in Anzug und Schalenhelm. Hinter ihm steigt noch ein junger Schwarzer (Paul Outlaw) zu, leichten Schritts und bester Dinge. Bevor die Fahrt beginnt, sind uns die meisten Reisenden vertraut geworden. Die Menge hat sich gelichtet. Das Dokument gibt sich unversehens intim. Ein jeder muß eine Rolle spielen, ist stummer Zeuge und noch viel mehr.

Der Schwarze setzt sich neben eine alte Dame (Senta Moira). Sie zerrt am Mantelsaum. Ihre Tasche fällt zu Boden. Sie sagt: "Flegel" und verliert sich fortan in einem monotonen Plapperwerk. Niemand stört sich daran. "Die vermehren sich wie die Karnickel", sagt sie. "Alle quer durcheinander." Ciro Cappellari, Kameramann und Erfinder tiefsinniger Bilder, streift dabei über namenlose Augenpartien, rückt sie bedrohlich in Szene.

Als die Waggons wieder zum Stillstand kommen, ertönt eine Klingel. "Fahrscheinkontrolle." Dem Motorradfahrer steht der Schweiß auf der Stirn. Er ist der Schwarzfahrer, wir haben es längst geahnt. Und werden doch kunstvoll in die Irre geleitet. Kaum zückt die Alte ihren Fahrschein, schnappt ihr Nachbar danach und läßt sie im Mund verschwinden. "Der Neger hat ihn eben aufgefressen", sagt sie noch. Dann wird sie abgeführt. Als alles vorüber ist, hören wir ein letztes Mal ihre Zitterstimme, dünn und gespensterhaft: "Aber die haben das doch alle gesehen. Ich versteh das nicht..."