Anna ist animalische Weiblichkeit pur. Ihr einziger Makel ist ihr quadratisch-texanisches Kinn", berichtet die Zeitschrift Wiener. Freilich ist da auch noch ein Pünktchen unter dem linken Auge zu sehen. Nicht nur Anna Nicole Smith, die kürzlich auf den Titelseiten von stern und lui prangte, auch ihre Konkurrentin, Top-Model Cindy Crawford, wird von einem Muttermal entstellt. Wie konnte es nur passieren, daß mit Makeln behaftete Frauen zu Super-Models wurden? Sollte in dieser harten Branche doch noch ein Funke von Menschlichkeit, gütigem Verzeihen und Toleranz existieren? Könnte die Ausstrahlung einer edlen Seele letztlich doch wichtiger sein als eine makellose Oberfläche?

Die Schönheit von Models ist im allgemeinen nicht von der besonderen und einzigartigen Sorte, sondern im Gegenteil eine, die ihre Trägerin als Individuum zum Verschwinden bringt. Model-Schönheit ist eine Präsentation von Allgemeinheit. Das gilt auch noch für jene Haute-Couture-Models, die exzentrisch aussehen – ihre großen Nasen machen sie nicht zur Privatperson, sondern zu Repräsentantinnen des Typus modischer Exzentrizität. Nur anonym, als Niemande, sind Models zur Übertragung von Waren auf jedermann geeignet. Je weniger man sie wiedererkennt, desto häufiger lassen sich mit ihnen die unterschiedlichsten Produkte verkaufen.

Die neue Generation der Star-Models aber hat die Quadratur des Kreises zustande gebracht: Anna Nicole Smith darf einen Namen tragen, wiederzuerkennen sein und dennoch Model bleiben. Sie vereint höchste Allgemeinheit mit Individualität. Oder sagen wir besser, mit Scheinindividualität. Denn die Abweichungen, die ihre Individualität kenntlich machen, sind nicht irgendwelche beliebigen Normverletzungen, sondern ganz spezielle:

Anna hat genau ein Muttermal, nicht zwei oder gar mehrere. Ein Muttermal ist eine Repräsentation von Abweichung, zwei Muttermale wären eine tatsächliche Abweichung und somit ein Hindernis für den Model-Beruf. Annas Muttermal schließt an die Model-Tradition des aufgemalten "Schönheitspunktes" an. Der damit kulturgeschichtlich legitimierte Pseudomakel kann in der Folge als Grundlage des neuen Typus der Scheinindividualität funktionieren, dem Star-Models entsprechen müssen.

Wie aber steht es um Annas wesentlichsten Makel, die Kinnlade? So kräftig die ausgeprägt sein mag, die Aufgabe einer geographischen Fundierung von personaler Identität dürfte sie doch ein wenig überfordern. Die Besitzerin dieses Kinns, die als eine Reinkarnation von Marilyn Monroe verkauft wird und in Interviews behauptet, von Marilyn aus dem Jenseits inspiriert zu werden, ist so sehr wandelndes Klischee, weltumspannendes Abziehbild, verkörperter Männertraum und Exempel normativer Anatomie, daß sie einen Makel braucht, um nicht in den Verdacht zu geraten, bloße VR (Virtual Reality) zu sein.

Ihr Makel ist nun nicht einmal eine persönliche Abweichung, sondern angeblich die Repräsentation eines Typus von Regionalität. Anna ist weniger individualisiert als gerootet, wie man in Amerika sagt, also mit einer imaginären Wurzel ausgestattet. Während Anna um den Globus jettet, bleibt sie dank ihres Kinns doch stets in ihrer texanischen Heimat geerdet.

Aber dieses Kinn ist nicht texanisch, es ist nicht einmal typisch amerikanisch, es ist vielmehr typisch für ein amerikanisches Idealbild, geprägt von Willensstärke, Entschlossenheit, Durchsetzungsvermögen und Pioniergeist. Die Spur des Filmcowboys in Annas Kinnpartie hat die weiblichen Formen ihres Körpers so zu kompensieren, daß unterm Strich das Bild einer konfliktfreien Synthese von Weiblichkeit und beruflichem Erfolgsstreben erscheinen kann. Anna trägt ihren Ellenbogen im Gesicht – ihr Kinn dient der Repräsentation ihres Erfolgswunsches, von dem es zugleich behauptet, daß er der Grund von Annas tatsächlichem und offensichtlichem Erfolg sei.

Unter dem Vorwand der regionalen Identität fungiert Annas Kinn als Medium des amerikanischen Wertesystems: "Wenn du dich nur genügend verkaufen willst und hart an dir arbeitest, wirst du Millionär!" Das Quadratkinn ist individuell nur zum Schein, tatsächlich aber reine Verkörperung einer Leistungsmoral. Von Kindheit an durch Kaugummi trainiert, sind solche Kiefer stark genug, um auch morgen noch kräftig zubeißen zu können.