Im Laufe des Jahres 1924 nahmen Offiziere der Reichswehr ihre Tätigkeit als Berater der sowjetischen Luftflotte auf. Im April 1925 wurde ein Vertrag über die Einrichtung einer deutschen Fliegerschule nahe dem Badeort Lipeck im Gebiet von Woronesch geschlossen. Bereits im Sommer 1925 begannen die ersten Testflüge mit Fockermaschinen.

Die Westorientierung der Stresemannschen Außenpolitik, die in den Verträgen von Locarno im Oktober 1925 ihren Ausdruck fand, warf nur vorübergehend einen Schatten auf die eingeleitete militärische Kooperation mit Rußland. Vergeblich suchte die sowjetische Führung ihre Beziehungen zur Reichswehr zu nutzen, um den Locarnopiozeß zu stören. Umgekehrt bediente sich das Auswärtige Amt des militärischen Drahtes zu Moskau, um Stresemanns Westpolitik abzuschirmen und den "Geist von Rapallo" am Leben zu erhalten. Auch die Enthüllungen von Ende 1926 konnten, so unangenehm sie für die deutsche Regierung auch waren, das Verhältnis zu Moskau nicht nachhaltig trüben.

Nach Ablauf einer gewissen Schamfrist wurden die militärischen Beziehungen weiter ausgebaut, ja sie erreichten Ende der zwanziger Jahre ihre intensivste Phase. Zusätzlich zur Kampffliegerschule in Lipeck wurde 1928 in Kasan an der Wolga eine deutsche Panzerschule errichtet. Hier wurden neuentwickelte Tanks von Krupp und Rheinmetall erprobt. Auf einem Versuchsgelände hundert Kilometer nördlich von Saratov an der mittleren Wolga experimentierten deutsche Wissenschaftler mit Kampfstoffen wie Lost und Phosgen. Darüber hinaus gab es regelmäßige gegenseitige Truppen- und Manöverbesuche, wobei sich die anfangs noch verkrampfte Atmosphäre im Laufe der Jahre zunehmend auflockerte.

Der relativen Offenheit in den beiderseitigen Militärbeziehungen entsprach ihre strenge Abschirmung nach außen. Dazu bedienten sich die Militärs einer Tarnsprache. Flugzeuge hießen "Kisten", Flugschüler "Jungmärker"; Panzer wurden als "Traktoren" deklariert. Alle beteiligten Offiziere und Techniker wurden auf "unbedingte Verschwiegenheit" verpflichtet. Dennoch sickerte auch nach den Dezemberenthüllungen von 1926 immer wieder etwas durch. Zeidler weist nach, daß die Regierungen in London und Paris zu Beginn der dreißiger Jahre detaillierte Informationen über die deutschen militärischen Aktivitäten in Rußland besaßen. Auf die Verstöße gegen die Versailler Bestimmungen angesprochen, zog sich die deutsche Regierung auf die Formel zurück: "Was Offiziere des Reichsheeres nach ihrer Entlassung als Privatleute unternehmen, entzieht sich der Kenntnis sowie der Verantwortung der Reichsregierung." Dabei haben alle Weimarer Regierungen, gleich in welcher Zusammensetzung, von der geheimen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee nicht nur gewußt, sondern diese auch gefördert und gedeckt.

Mit der Anerkennung der militärischen Gleichberechtigung Deutschlands auf der Genfer Abrüstungskonferenz vom Dezember 1932 bestand für diese Zusammenarbeit keine Notwendigkeit mehr. Die Regierungsübernahme durch Hitler Ende Januar 1933 entzog ihr endgültig die Grundlage. Eine langfristige deutsch-sowjetische Militärkooperation war unvereinbar mit Hitlers Programm der Eroberung von "Lebensraum" im Osten, das Anfang der vierziger Jahre zu einem erbarmungslosen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führte. Daß dieselbe Generalität, die noch wenige Jahre zuvor enge Beziehungen zur Roten Armee gepflegt hatte, Hitlers Ostfeldzug mittrug, ja den Diktator noch in seiner aus Unkenntnis und ideologischer Verblendung geborenen Unterschätzung der Sowjetunion bestärkte, ist nur schwer begreiflich.

Manfred Zeidlers Untersuchung erliegt weder der Gefahr, die verschwiegene Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee überzubewerten. noch sie in ihrer militärischen Bedeutung herunterzuspielen. Das Ziel dieser Zusammenarbeit. die militärischen Klauseln des Versailler Vertrages faktisch außer Kraft zu setzen und die Grundlage für eine deutsche Aufrüstung zu schaffen, wurde erreicht. Wenn bereits 1934 die ersten Kampfflugzeuge und Tanks in Serie gehen konnten, so war das ein Resultat der in den Jahren zuvor eingeleiteten Entwicklungs- und Erprobungsarbeit. Zeidlers Bilanz: "Somit hat die Republik von Weimar in stiller und systematischer Arbeit dem Dritten Reich unwillentlich die Voraussetzungen dafür beschert, innerhalb weniger Jahre moderne Streitkräfte schaffen zu können."

  • Manfred Zeidler: