Von Fritz J. Raddatz

Liebe vor allem und die Momente des Tages sind meine Themen, und Haß, Hurerei, die Natur des Körpers, die rachsüchtige oder versöhnliche Erinnerung und die Sehnsucht nach Unschuld. Auch Ehrgeiz, die Stadien des Daseins und der Zustand der Welt. Ich singe gleichsam von Waffen und Männern, von Armen, die an Brüste drücken, von neuen Armbrüsten, die Waffen an Armen sind.

Ein großer Wurf. Ein Gesang von der Unerträglichkeit der Liebe, von der Anstößigkeit der Begierde, vom besitzergreifenden Abscheu der Lust. Ein entsetzter Hymnus der Sexualität: besessen, verfallen, obszön und nie pornographisch. Ein bedeutender Roman.

Der mit 63 Jahren in New York an Aids im Sterben liegende Harold Brodkey hat mit diesem Buch sein Leben als Schriftsteller vollendet. Das ja keineswegs die plane Karriere eines applaudierten Romanfabrikanten war. Nach seinem Debüt 1958 mit einer Kurzgeschichtensammlung wurde er, inzwischen regelmäßiger Mitarbeiter des renommierten New Yorker, bekannt mit der Erzählung "Innocence", Titelgeschichte. des Bandes "Stories in an Almost Classical Mode" ("Unschuld – nahezu klassische Geschichten", rororo 13156), deren 20-Seiten-Darstellung eines Cunnilingus die New York Times von "Schwulst" und "peinlicher Geschwätzigkeit" schreiben ließ; andere Kritiker fanden, "der Kult, der um Harold Brodkey entstanden ist, riecht ein bißchen nach Schwindel", verdächtigten ihn des Norman-Mailer-Plagiats oder höhnten, "Warum einen Ruf durch Tatsachen gefährden", weil er Jahre um Jahre einen angekündigten Roman nicht vorlegte. Harold Brodkey hieß rasch "Amerikas berühmtester Romancier, der nie einen Roman geschrieben hat", und die Schlagzeile "Brodkey delivers" stand auf Seite 1 der New York Times.

In der Tat war die medienbedienende Medienverweigerung arg schick und sind viele der Kurzgeschichten nicht bester Hemingway, sondern magere Glanzpapierware, läppisch zwischen Pfadfinder-Wichsereien oder "Fick-mich-o-o-ich-komme"-Männchenhaftigkeit herumbanalisierend. Die literarische Figura kam nicht über "Sie war ein mageres, tulpengleiches Mädchen von mittlerer Größe" und "Sie hatte unauffälliges Haar" hinaus, wenn sie nicht ausrutschte: "Die geriffelten Kanten des Morgens schlagen nach meinen inneren Augen."

Im Band 2 der Stories ("Engel", rororo 13318) gibt es dann allerdings eine wirklich "nahezu klassische" kleine Erzählung, "Die Jungen auf ihren Rädern", die in ihrer Balance aus Lüsternheit und Enthaltsamkeit, aus Witterung und Entfernung bereits wie eine Etüde zu dem großen Roman wirkt und dessen Thema wie Stil anklingen lassend: "Ich bin durch eine Reihe ziemlich einfacher Schritte vom Ihn-Lieben losgekommen. ... Ich huste wie in der Brandung, wenn man Salzwasser geschluckt hat. Ich liebe und liebe zugleich nicht in einer Art von Faltenwurf von Aufmerksamkeit und Stimme – ich meine, es gleicht einem plötzlichen Raffen und Versammeln – es sei denn, ich bin sanft und verführerisch und vernünftig wie in Gegenwart von Frauen, wo ich einen im voraus festgelegten Weg einschlage."

Als 1991 sein – durch zu kesse Selbstanpreisungen und zu bombastische Verlagsreklame in der Erwartung hochgeputschter – Roman "The Runaway Soul" erschien, erntete Brodkey wiederum Spottkaskaden; das Buch bestehe aus vier Wörtern – "Ich, mein, mir, mich" – höhnte Time, und die Zeitschrift New York sah den Lesern einen "fürchterlichen, unverdaubaren Brei aus Marcel Proust und Henry Miller" kredenzt. Trotz einer eher halbherzigen Verteidigung von Salman Rushdie – kein ganz glückliches Schriftstellerleben, also.

Indes: Was nun, mit "Profane Freundschaft", vorliegt, ist ein Kunstwerk von atemberaubender Intensität, ein Pandämonium der Leidenschaft wie der Ängste, der Sucht wie der Flucht. Ein großer philosophischer Roman.

Die Dramaturgie ist geradezu simpel. Der im Venedig der dreißiger Jahre heranwachsende Sohn eines amerikanischen Erfolgsschriftstellers geht zur Schule mit Onni, einem schönen Knaben aus derber Faschistenfamilie. Zeit und Geschichte – der herannahende Krieg, der Rückzug der Schriftstellerfamilie ins friedlich-reiche Amerika während des Krieges und die Rückkehr 1946 nach Italien – sind nicht mehr als dünne Folie. Es gibt nur drei Handlungsträger des Romans – Onni, Nino und Venedig. Allein die delikate, nie kolorierte Farbigkeit, mit der Brodkey es schafft, diese so oft zu Kunstgewerbe zerschnitzte Stadt noch einmal erstehen zu lassen, ihr grünes Guardi-Licht, ihren vom Regen gekämmten Himmel, ihre zeremoniöse Lasterhaftigkeit, das ist schon Grund, "da capo" zu rufen.

Die Beziehung zwischen zwei Menschen aber, die Feilspäne eines unerklärlichen Magnetismus, der so rasch seinen Aggregatzustand in funkensprühende Abwehr verwandeln kann: Das ist schon lange nicht mehr so gebannt worden (ansatzweise in Peter Nádas’ "Buch der Erinnerung"). Das Buch ist der brodelnde Haßgesang auf Liebe, das Uniebbare, das Unreine, auf das "Ungleichgewicht der Lustwirklichkeiten": zwei Knaben, dann Männer, die nicht homosexuell und dennoch unauflöslich einander verfallen, "in die abscheulich unehrenhafte Zone eingedrungen" sind, "die zwischen Spiel und sexuellem Übergriff liegt". Brodkey hat das wundersame Wort von dem "besitzergreifenden Abscheu" gefunden, um die Grenzwanderung zwischen Ekelfinsternis und Sehnsuchtsschnuppe kennzeichnen zu können: "Was wäre gewonnen, wenn man sagte, dies sei homosexuell oder nicht homosexuell gewesen? ... Ich wußte es damals nicht, und es war mir egal. ... Worum es ging, kapierte ich nicht. Sexuell, als Mann, bin ich langsam von Begriff – Pazifist, aber ich verhielt mich nachsichtig. Im Grunde verblüffte es mich, daß für Onni das Wissen um seinen mageren, straffen, nervösen, mit Pranken ausgestatteten Körper eine Quelle innerer Hitze war, ein leises, nerviges Sirren von Wut und Rivalität. ... Welch einsamer Schmerz, sich vor jemandem zu fürchten. Und vor der Einsamkeit. Ich glaube, daß der Körper eine Seele für sich besitzt, einen Teil der Seele, eine Nebenseele vielleicht, mit eigenen Erinnerungen. ... Das Homosexuelle ist immer gegenwärtig, das Normale freilich auch. Eine flirrende Schar von Neins ist mit im Spiel."

Harold Brodkey dringt zu Schichten des Unheimlichen vor, die an Lautréamonts Erkundungen des Archaischen, auch an Baudelaires onanistische Ferien erinnern; wenn er einmal sagt: "Berührungen können wie Worte sein", führt er zugleich die Umkehrbarkeit dieses Satzes vor – viele seiner Worte sind wie Berührungen, intimschauerlich: "Sie ist schon sonderbar, die Liebe als Verseuchung und Groll, als wütender Wunsch, die Intimität der Ansteckung zu teilen, die kleine Infektionsgemeinschaft gegenseitiger Gefühlsergüsse zu erweitern und ein lokaler Star zu sein, Tag für Tag – die hypnotisierende, verführerische Intimität daran ist seltsam; sie erscheint als staubig und todgeweiht. Es scheint, als könne sie nur mit Tod, mit einer Katastrophe, einem gewaltigen Zusammenbruch enden."

Ob dieses Buch auch insofern ein Stück Einsamkeit ist, als es nicht "mitteilen" kann? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob eine so lyrisch verkapselte Rhapsodie des Finsteren einen Leser voraussetzt, der in Verliesen des Finsteren gelebt hat und für den die gedruckten Seiten zugleich Palimpseste sind, unter denen er Gesichter und Körper "mit-liest". Gewißlich ist es keine Urlaubslektüre für Kreissparkassenfilialleiter (Protest des Kreissparkassenfilialleitergewerkschaftsvorsitzenden: "Haben Sie eine Ahnung von unseren Abgründen"; ja, nein, danke – habe ich nicht).

Doch wichtig ist zu erklären, daß eine solche Szene keine "Was sagt denn Ihre Gräfin dazu"-Ferkelei ist, sondern erotischen Wahn im Tumult von Untergang, Abwehr und Begehren meint, den nur Literatur illuminieren kann, ob in den Gedichten von Benn oder von Kavafis: "Er zieht mir in einer düsteren Calle die Hose auf und pellt mir die Unterhose runter. Ich bin gelangweilt, aber nicht unzugänglich... Ich bin genital größer als er, und er spielt mir größtenteils einen Streich, indem er gegen mein Widerstreben angeht und zugleich natürlich meine Empfänglichkeit für Schmeicheleien ausnützt. Auch das ist reizvoll; ist nicht ohne Schönheit; aber ich sage: ‚Wie blöd, das ist doch blöd.‘ ‚Gut‘, sagt er. ‚Wir hören auf.‘ Aber er hört nicht auf. Wir wichsen einfach... Auf undeutlichem Wege habe ich so entschieden. Er wichst, und es kommt ihm schnell. Bis auf ein flackerndes Absehen behält er mich, während er kommt, im Blick. Das ist schon etwas Besonderes: dieses Gefühl, ihn im Lust-Transit und mich dennoch von ihm beobachtet zu wissen.... Und doch erinnere ich mich nicht gern an all das Ein und Aus von Gefühlen, an die leise Erbitterung über Schliche der Dominanz – und an die – Vereinsamung. ... Im Augenblick bewegen sich seine Hände; die eine hält meinen Schwanz, während ich komme; die andere streicht mir über dem Ohr die Haare glatt. Ein Korridor von Möglichkeiten liegt vor mir, gesäumt mit Türen, mit Schwellen, von beiden Seiten zu überschreiten, die mir neu sind. ... Ich habe den Verdacht, ich wüßte, wie ich ihn zum starken, elenden, gefangennehmenden Lieben bringen könnte."

Der Roman ist weltlos wie ein Gedicht (wie übrigens auch Nádas’ Buch mickrig in der Romanapparatur, überzeugend mehr als grandioser Essay war); mehr noch: Die Fabel vom schließlich weltberühmten Schauspieler Onni, schwerreich, müde, mehrfach geschieden und Kokain schnupfend in seinem üppigen venezianischen Palazzo mehr Kino-Dorian-Gray als tragisch, ist dünn, gelegentlich malerisch bis zum Kitsch. Nur wenn Harold Brodkey den Mut und die Wut zu Whitmans "Ich singe das Selbst, den Einzelmenschen" hat, ist er grandios – in der rüden Bitterkeit der Erkenntnis, grob, verletzend, schmutzig und schockierend ehrlich: "Er sagte: ‚Wenn du fickst, fickst du dann nur dem eigenes Leben, soweit es in einer Frau – in wem auch immer – enthalten ist, und nicht sie, nicht sie als Person? Ich urteile nicht darüber; ich erwähne es nur ... du beim Akt mit irgendwem ... Ficke ich michimanderen?"

Dieses Buch ist ohne Scham, ruchlos, verweigert sich den gefälligen Ehetraurigkeiten aller Rabbits dieser Welt und allen Bodenseehausspekulantentragödien. Es wagt ein Ecce-Homo, das nicht Fratze ist noch Karikatur, noch schleckrig Balthus-lüstern. Es wagt, Grenzen außer acht zu lassen und uns in ein unauflösbares Minotaurus-Mäander zu stellen. ",Du bist ein Kind’, sagt Nino zu Onni, ,und eine Frau.‘ Ja, stimmt’, sagte er" (dessen frühe Vergewaltigung durch einen deutschen Offizier als Mutmaßung von Lockung und Not das Buch durchzieht). Doch der abgestoßenhingerissene Freund spürt, "daß er nicht zu täuschen ist, wie eine Ratte. Schmutzig. Schmutzig. Und doch fühlte ich mich berauscht in seiner Nähe, geschmeichelt, erfolgreich, beschenkt. ... Mir kräuselt sich manchmal vor Furcht die Haut, wenn ich ihn sehe. Ich fürchte ihn. Seinen Willen. Daß ich verletzt, umgedreht... verändert werden könnte."

Das ist die große Paraphrase von Brodkeys Kernsatz "Moi, c’est l’autre" – sehr spezifische Variante des unbestimmteren Rimbaud-Diktums "Je est un autre". Für Brodkey ist der Mensch – auch für sich selber – immer auch zugleich der andere. Das reichlich kokette "Ich habe keinen Namen" des in St. Louis, Missouri, nach dem frühen Tod der Eltern bei Adoptiveltern Aufgewachsenen (es ist leicht herauszufinden, daß sein Vater Max Weintrub hieß) ist nur eine für neugierige Journalisten ausgelegte Falle; derlei hat Harold Brodkey wohl stets genossen, wie sein Photo auf der Titelseite einer New Yorker Zeitschrift mit der lapidaren Unterzeile "The Genius", das 1989 an allen Kiosken von Manhattan prangte. Selbst die eigene Aids-Erkrankung hat er ja noch in sonderbares Spiel-Geld umgemünzt, als er seinen Artikel "An meine Leser" im Juni 1993 mit der Edel-Gebärde schloß: "Wieder fühle ich mich ein wenig verwaist und idiosynkratisch, aber seltsamerweise auch, als wäre ich zu einer Party eingeladen, ja, geradezu entführt worden, zu einem düsteren, aber doch nicht ganz grausigen Fest, einem Fest der ernsthaft Leidenden, die doch mit der Gleichgültigkeit und den Vorurteilen und dem Haß der Gesellschaft im Krieg lagen. Mir schien, als sei ich umgeben von Tapferen ohne Zahl, als sei ich in eine Phalanx der zwar Sterbenden, dabei aber stürmisch Lebenden eingereiht, und ich fühlte mich geehrt, daß ich sozusagen in einer Gesellschaft solcher Leute sterben würde."

Ernster ist sein großer New Yorker-Aufsatz vom Februar dieses Jahres, "Dying: An Update", eine Ortsbestimmung des eigenen Lebens im Ton des "Es war einmal": "Kennen Sie den Mythos von meiner Unwiderstehlichkeit? Davon zu sprechen fällt mir nicht leicht. Der Traumtyp für jedes Bett. So vielleicht. Was für ein Witz. Es war ein Gerücht – ein Ruf, der mir anhaftete, nichts als Bestandteil der schwebenden Aura, des scharf gewürzten New Yorker Klatschs. Ich habe als unverdrossener Amateur praktiziert, mit einem gewissen Vergnügen und einiger Neugier, aber meinem Ruf war ich nicht gewachsen. Mir waren körperlich sehr klare sexuelle Grenzen gesetzt. Es mißlang mir, mich zum Helden der sechziger Jahre aufzuschwingen. Oder der siebziger Jahre. Ich war der Rolle nicht gewachsen. Ich gelangte nie auch nur in die Nähe des modischen Niveaus und der Akte, die Mapplethorpe in Bildern festgehalten und publik gemacht hat. Ich habe nie den Casanova-Rang von Norman Mailer erreicht und nie in seiner Liga mitgespielt. Ich führte ein Leben, aber nicht so eines."

Doch am ernstesten ist dieser Roman vom anderen, das sich in jedem Ich birgt; von der Anstößigkeit, die man liebt und die man verachtet; vom stolzen und wählerischen Widerstreben, jenem Auf und Ab nichtbeschrifteter Gefühle, die das suchen, was schon in der Benennung Fliehen und Geborgensein umfaßt: Zuflucht. Harold Brodkeys "Profane Freundschaft" ist der Roman der unendlichen Drift: "Es ist unerträglich, ungeliebt zu sein; es ist unerträglich, halbherzig geliebt zu werden; noch unerträglicher ist es, heftig geliebt zu werden."

  • Harold Brodkey:

Profane Freundschaft

Roman; aus dem Amerikanischen von Angela Praesent; Rowohlt Verlag, Reinbek 1994; 546 S., 48,– DM