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Die Ostberliner Planwirtschaft ist durch die Stadtplanungswirtschaft abgelöst worden. Auch hier gilt Brechts Refrain: „Ja, mach nur einen Plan...“ Dieser scheitert meistens, weil es Investoren gibt oder nicht gibt. Im Frühjahr 1993 gab es einen städtebaulichen Wettbewerb für den ehemaligen Grenzbezirk Heinrich-Heine-Straße – zwischen Kreuzberg und Mitte: westdeutsche Vorstadt, Niemandsland, Plattenbau-Magistrale, die irgendwo in Nowosibirsk zu enden schien. Der Siegerentwurf, hochgelobt, knüpft das alte Straßennetz wieder und schafft behutsam Innenstadt. Der Entwurf ist gescheitert, auch deswegen, weil die Bewohner der real existierenden Hochhäuser ihre Parkplätze nicht verlieren wollten. Sie liefen sofort Sturm gegen den Plan. Denn „wir können unsere Autos nicht mehr sehen!“ Diese historische Errungenschaft der DDR – Plattenbauküche mit freiem Blick auf den eigenen Trabbi – läßt man sich doch nicht von der Hauptstadtplanung plattmachen.

Wasserweg

Wasser, so weiß der Physiker, sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands. Dieses Naturgesetz gilt auch für den Waffenhandel. Auf verblüffend durchlässigen Wegen sind so in den achtziger Jahren Waffen aus der Bundesrepublik in die Hände der Stasi gelangt. Nach Erkenntnissen der englischen Tageszeitung Independent lieferte die westdeutsche Gewehr-Schmiede Heckler & Koch ihre heiße Ware an die größte staatliche Waffenfabrik Großbritanniens, Royal Ordnance. Die findigen Briten bauten die deutschen Schießeisen um und verpackten sie neu – angeblich für den Export nach Kolumbien. Die Papiere stimmten bis auf den kleinsten Stempel, nur waren sie gefälscht. Statt nach Südamerika segelte die teure Fracht über die Ostsee nach Rostock, wo Stasi-Offiziere sie freudigst entgegennahmen. Auf dem Seeweg wurden zwischen 1985 und 1988 Hunderte von westdeutschen Gewehren in die DDR geschafft. Bleibt nur zu hoffen, daß die Affäre heute nicht einfach versickert – wie Wasser.

Kellerstimmung

In der sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland hat der ehemalige Innenminister der letzten DDR-Regierung, Peter-Michael Diestel, am vergangenen Wochenende schrille Töne angeschlagen. Zwei Kostproben: Die rund 16 000 Mark, die die ostdeutschen Abgeordneten (wie alle anderen auch) als Diäten und Kostenpauschale erhalten, nennt er ein „Schweigegeld“ für die NichtVertretung ostdeutscher Interessen. Und Rainer Eppelmann, dem Vorsitzenden der Enquetekommission des Bundestages zur Untersuchung der SED-Herrschaft, unterstellte er das Handlungsprinzip: „Die Fliege, die nicht geklatscht werden will, setze sich am besten auf die Klatsche.“ Am selben Wochenende, an dem diese Anwürfe erschienen, ist Diestel, wenn auch ohne Unterstützung des CDU-Landesvorstands, so doch mit klarer Mehrheit wieder zum Landtagskandidaten in einem Brandenburger Wahlkreis aufgestellt worden. Ein Stimmungsbarometer.