Von Wolfgang Blum

Adam trifft Jeff im Morgengrauen. "Nanu, Jeff", begrüßt er ihn, "so früh am Morgen schon Sport treiben?" Darauf Jeff: "Der frühe Vogel fängt den Wurm... Bist du ein Wurm, Adam?" Eigenartig. Der rätselhafte Dialog entstammt der amerikanischen Fernsehserie "Denver-Clan". "The early bird gets the worm" ist eine – im Englischen – gebräuchliche Redensart. Auf deutsch bedeutet sie soviel wie "Morgenstund’ hat Gold im Mund".

Zugegeben, der Wortwechsel zwischen Adam und Jeff ist ein besonders krasses Beispiel für mangelhafte Synchronisation fremdsprachiger Filme. Doch miserable Übersetzungen sind eher die Regel als die Ausnahme, auch in anspruchsvolleren Streifen. In der Verfilmung von George Bernard Shaws Schauspiel "Pygmalion" etwa urteilt Professor Higgins über die Fortschritte seiner Schülerin Eliza Doolittle: "Es geht bei ihr vorwärts wie ein Haus in Flammen."

Zurück zum "Denver-Clan": Fallon fällt vom Pferd. "Alles in Ordnung?", fragt sie ihr Vater besorgt. Sie antwortet: "Ja..., mir geht es gut."

"Kein Mensch sagt so was in dieser Situation", sagt Thomas Herbst. "Angemessen wäre etwa: ‚Hast du dir wehgetan?‘,Nein, nichts passiert.‘" Der Erlanger Anglist hat über die Synchronisation von Fernsehserien habilitiert. Demnächst soll seine Arbeit als Buch erscheinen. Neben Seifenopern wie "Denver-Clan" oder "Falcon Crest" nahm Herbst Verfilmungen von Shakespeare und Shaw und angelsächsische Komödien aufs Korn. Zum Vergleich begutachtete der Sprachwissenschaftler die englischen Fassungen von "Schwarzwaldklinik" und "Der Fahnder". Insgesamt inspizierte er rund achtzig Stunden Filmmaterial. Die Forschung war kein Freizeitspaß: Einige Folgen von "Denver-Clan" ließ der Linguist mehr als zwanzigmal über sich ergehen.

Kauft ein Fernsehsender einen ausländischen Film, gerät das Drehbuch zunächst einem meist schlecht bezahlten Rohübersetzer in die Finger, der den Streifen gar nicht kennt. "Der weiß nicht mal, redet der Akteur jetzt mit seiner Frau oder seinem Hund", spottet Herbst. Um Mißverständnisse zu vermeiden, soll der Rohübersetzer die Dialoge möglichst wortgetreu übertragen. Dadurch kommt es zwangsläufig zu Stilblüten wie dem frühen Vogel, der den Wurm fängt. Ebenso schleichen sich Anglizismen ein, wie etwa sehen (see) statt treffen, Baby (baby) statt Kind, kontrollieren (control) statt beherrschen oder Topf Kaffee (pot of coffee) statt Tasse. Viele dieser Fehler übertragen sich auf die endgültige Version.

Die Rohübersetzung nimmt der Synchronisations-Regisseur in die Mangel, um sie den Mundbewegungen der Schauspieler anzupassen. Dabei ist sein Spielraum erstaunlich groß. In einer Folge von "Denver-Clan" sagt Fallon zum Beispiel: "And I have." Auf deutsch wurden aus diesen drei Silben acht: "Und ich weiß, wovon ich rede." Wer Fallons Lippen genau verfolgt, merkt den Unterschied. Den meisten Fernsehzuschauern entgeht er jedoch. Schließlich gucken sie nicht in die Röhre, um unstimmige Mundbewegungen aufzuspüren.