Italiens Rechte hat sich nach allen Regeln der Demokratie aus den Wahlurnen erhoben. Als Hoffnungsträger einer neuen – oder gar neu-faschistischen Republik? Ist dies eine Revolution südländischer Saubermänner, die dem ohnehin schon verunsicherten Europa zusätzliche Furcht einjagen kann? Oder wird sich – wie einst und seither so oft – der italienische trasformismo wieder bewähren, jene schillernde Kunst der "Verwandlung", der Verwischung von Spuren und Konturen, die Gegensätzliches überbrückt, Schärfen mildert, ja politische Ungewißheit zur Chance sicheren Überlebens macht?

Zunächst gibt es nur die Gewißheit einer ebenso radikalen wie riskanten Wende. Auf den ersten Blick scheint das Wahlergebnis vom Anfang der Karwoche ein Parteiensystem und seine fast ein halbes Jahrhundert maßgebende Nomenklatura so begraben zu haben, daß sogar seine Erben keinen festen Boden unter den Füßen spüren, ja ihren Erfolg bei aller Osterfreude fast wie ein Himmelfahrtskommando empfinden müssen. Noch gelten die Regeln der bestehenden, dem Antifaschismus geweihten Verfassung. Das neue Wahlrecht aber hat dem angestauten Grimm gegen die politische Klasse, gegen ihre Verdorbenheit so viele Ventile geöffnet wie nie zuvor.

Mehr als vierzig Prozent der Italiener haben seit den Aprilwahlen von 1992 ihre politische Meinung grundsätzlich geändert. Gewinner wurden so die viel versprechenden, vielfach verzankten und doch verbündeten Neulinge der Rechten: Silvio Berlusconis erst zwei Monate alte Forza-Italia-Bewegung, Umberto Bossis Lega Nord und Gianfranco Finis neofaschistische Alleanza Nazionale ziehen mit 366 von 630 Abgeordneten, also einer starken absoluten Mehrheit, in die Deputiertenkammer ein. Und mit 155 von 315 Sitzen verfehlten sie im Senat nur scheinbar knapp dieses Ziel, denn von den lebenslänglich ernannten Mitgliedern dieses parlamentarischen Oberhauses sind ihnen die fehlenden Stimmen fast sicher.

Da es zum erstenmal vor allem um Mehrheiten für Personen ging, nicht für Parteien (die unter der Vierprozentgrenze überhaupt ins Nichts fielen), vollzog sich ein historisch einzigartiger Auszug der alten Garden: Siebzig Prozent aller bisherigen Volksvertreter kehren nicht wieder, und sieben Parteien sind aus dem Parlament verschwunden. Zu diesen Totalverlierern gehören aber nicht nur solche, die – wie etwa "Grüne" und "Radikale" – als modische Außenseiter galten oder als riskant wie La Rete, die Anti-Mafia-Partei des Bürgermeisters von Palermo, Leoluca Orlando. Es traf auch etablierte Parteien.

Ganz trostlos sind die Wahlen für manche altgewohnten Teilhaber an der Macht ausgefallen: Nicht nur die kleine Republikanische und die Liberale Partei sind versunken, auch die jahrzehntelang immer wieder mitbestimmenden, mal marxistisch, mal sozialdemokratisch auftretenden Sozialisten (PSI) schwanden dahin. Gerade noch 2,2 Prozent beträgt ihr Wähleranteil (nach 13,6 noch vor zwei Jahren). Ihr verblaßter Superstar Bettino Craxi, verstrickt in Korruptionsaffären, entzog sich vorige Woche einem Prozeßtermin, weil er um seine Sicherheit fürchtete. Mitte März hatte er – aus sicherer Ferne – seinem Land "eine neue Welle von Attentaten und Morden" prophezeit. Doch selbst die Mafia-Terroristen dürften vom Wahlkampf und der bevorstehenden Wende (wohin?) so verunsichert worden sein, daß sie nicht mehr wußten, für wen oder gegen wen sie Bomben legen sollten. Bislang jedenfalls.

Nicht einmal die so lange allmächtigen Christdemokraten bieten noch ein Ziel für Bösewichte oder Gesundbeter. Auf klägliche elf Prozent Stimmenanteil brachten sie es (nach fast dreißig Prozent noch vor zwei Jahren), obwohl sie sich durch Namenswechsel – Partito Popolare – im Januar aus dem Sumpf der Bestechungsaffären zu ziehen versucht hatten. Es half auch nichts, daß sie sich von Altlasten befreit hatten, daß kein Andreotti, De Mita oder Forlani mehr für sie kandidierte.

Ihr unbescholtener, stets traurig und müde gestimmter Chef, Mino Martinazzoli, hatte sich bemüht, dieser "Volkspartei" noch einmal Volk zuzuführen und die Vetternwirtschaft hinter sich zu lassen. Vergebens. Schließlich war er es satt, seine Freunde nach rechts zum aufsteigenden Stern Berlusconi oder nach links zu den Exkommunisten schielen zu sehen. Angeekelt erklärte Martinazzoli schon zwei Tage nach der Wahlniederlage seinen "unwiderruflichen Rücktritt", ja Rückzug aus der Politik, um sich seiner Lieblingslektüre – Rilke und Tolstoj – zu widmen.

Christdemokratische Götterdämmerung? Schon rüstet sich ein konservativ-katholischer Philosophieprofessor, Rocco Buttiglione, die verlorenen Schafe zurückzuholen. Noch ist nicht gewiß, ob er die Führung der Volkspartei übernehmen wird: Widerstand regt sich, weil er davor warnt, auf den Wagen der siegreichen Rechten aufzuspringen oder sich einfach der linken Opposition anzuschließen. Buttiglione meint vielmehr, man müsse "die inneren Gegensätze im Bündnis der Rechten zur Explosion bringen" und so die Rückkehr Berlusconis in die Mitte begünstigen. Es schaudert den Philosophen, wenn er jetzt manche Freunde "Opposition! Opposition!" rufen hört, "so wie sie vorher ‚Macht! Macht!’ schrien".

Steht aber für eben solche Art von Dilemma nicht wie eh und je das Wundermittel des trasformismo bereit? Nur so hatte es einst die Democrazia Cristiana geschafft, zur Massen- und Sammelpartei all derer zu werden, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine kommunistische Machtergreifung befürchteten und dann das große liberal-kapitalistische Wirtschaftswunder Italiens vollbrachten. 48,7 Prozent der Wähler stimmten 1948 für diese christliche, die DC-Partei und damit für eine jahrzehntelang währende Demokratie ohne Alternative. Und dies in dem Land mit der größten frei gewählten kommunistischen Partei, die freilich so wenig stalinistisch war wie die DC katholisch, so bereit zu "historischen Kompromissen" wie die DC zu "Öffnungen nach links".

Kein Wunder also, daß sich jetzt plötzlich, nach 43jährigem Schweigen, ein Mann zu Wort meldete, der zu den guten Geistern seiner Partei gehört und schon 1951 befürchtet hatte, daß jenes System eines Real-Opportunismus, das die Christdemokraten schufen, "zu einer äußerst schweren Degeneration führen kann". Giuseppe Dossetti, der linke professorino, wie ihn seine Freunde belächelten, war damals vor der Politik in ein Mönchskloster geflüchtet. Heute sieht er seine Zweifel bestätigt und glaubt auch nicht, daß durch die Wahlen eine neue politische Elite zum Vorschein kommt. Eher sieht er eine neue "Inkubationszeit des Faschismus" beginnen. Den Katholiken in der Politik aber wünscht er zunächst einmal "eine Zeit des Fegefeuers".

Ob ein solches purgatorio wirklich zur Läuterung beiträgt und dem Land ein inferno – von rechts oder links – erspart, bleibt auch unter politischen Asketen, die ihren Dante kennen, umstritten. Gewiß ist nur, daß die Höllenqualen, die für den Fall eines Sieges der Linken an die Wand gemalt wurden, ausbleiben. Die "Niederlage" der exkommunistischen Demokratischen Partei der Linken (PDS) ändert freilich nichts an der Tatsache, daß sie mit über 20 Prozent (vier mehr als 1992) in der Abgeordnetenkammer nur knapp hinter Berlusconis Forza Italia liegt.

Grund genug also für PDS-Chef Achille Occhetto, nicht das Handtuch zu werfen, wie manche erwartet hatten, sondern noch mehr Distanz von der kommunistischen Vergangenheit zu gewinnen. Immerhin sitze ja nun er und nicht mehr Bettino Craxi in der Sozialistischen Internationale, betont Occhetto, gibt aber auch zu: "Die Linke muß wieder lernen, die Gefühle und Leidenschaften der Leute anzusprechen." Occhettos dynamischer Stellvertreter, Massimo D’Alema, wittert hingegen eine große Chance: "Die Auflösung der Democrazia Cristiana hat in Italien dasselbe hervorgerufen wie die Auflösung des Sowjetsystems im Osten: Alle alten Konflikte, die in einer fiktiven Einheit aufgehoben schienen, sind wieder ausgebrochen." Wenn nun die Rechte dies auszunutzen verstand, warum nicht bald auch die neue Linke?

Sollte also all das, was seit dem (auch politischen) Karfreitag nach den Wahlen wie ein böser Aprilscherz Italiens Gemüter erregt, nur Vorspiel einer Normalisierung sein?

"Endlich wird ein Machtwechsel wie in reifen Demokratien möglich", jubelt der alte Politikphilosoph Norberto Bobbio und warnt zugleich davor, den Rechtsruck zu dramatisieren. Kommunismus und Faschismus gelten für ihn, der sich selbst als Linker versteht, als ebenso überholte Gegensätze wie Antifaschismus und Antikommunismus. Schon vier Auflagen hat in wenigen Monaten sein Buch über "Rechts und Links" erreicht, in dem er die "Relativität der beiden Begriffe" als Ursache ihrer Lebensdauer darstellt – "zweier Worte, die keine für immer fixierten Inhalte haben". Sogar ein Hitler habe sich ja im Völkischen Beobachter als der "konservativste Revolutionär der Welt" vorstellen können...

Und Mussolini? "Ich würde noch immer sagen, daß er der größte Staatsmann des Jahrhunderts gewesen ist." So sprach Gianfranco Fini, der 36jährige Parteichef der neofaschistischen Alleanza Nazionale zwei Tage nach den Wahlen, die ihm über fünf Millionen Stimmen (13,5 Prozent) eingebracht hatten. Seine Getreuen feierten ihn mit erhobenem Arm, dem "römischen Gruß" unseligen Angedenkens. Aber nein, nicht Neofaschisten, nur "Postfaschisten" seien sie, beteuert Fini. Mit Gewalt und Fremdenhaß, mit den französischen und deutschen Rechtsradikalen (die ihm gratulierten) will Fini nichts zu tun haben. Ist so alles nur Geschichte – wie das Andenken, das die römischen Cäsaren in ehrwürdigen Trümmern hinterließen? Mussolini war ein strammer Sozialist, der sich in den Stahlgewittern des Ersten Weltkrieges zum faschistischen Duce "transformierte". Den historischen "Marsch auf Rom" trat er im Schlafwagenzug an, und die Macht erhielt er 1922 mit 306 gegen 116 Stimmen von einem Parlament, in dem seine Schwarzhemdenpartei nur 35 Sitze hatte.

Fini hat 23 Sitze in der neuen Kammer, und er wirft sie zunächst viel vorsichtiger in die Waagschale der Rechtskoalition als Umberto Bossi, der Volkstribun der norditalienischen Lega, der mit 8,4 Prozent und elf Sitzen schwächer als erwartet im Lager der Sieger landete. Bossi kompensiert das, indem er brüllt und schon in den Osterferien die Schlammschlacht des Wahlkampfes mit verkehrter Front fortsetzte. Nun tobt er täglich gegen den Mann, mit dem er eigentlich demnächst regieren sollte: Silvio Berlusconi.

Über acht Millionen Italiener (21 Prozent) haben für den – wie er selbst sagt – "politisch unerfahrenen" Großunternehmer gestimmt. Auf den Wellen seiner drei Fernsehkanäle ist der verschuldete Milliardär, der sich als "ganz neues Produkt" anpries, nach oben geschwommen. Als Forza Italia (Vorwärts Italien), Pol der Freiheit oder Pol der guten Regierung zog seine buntgewürfelte konservativ-liberal-nationale Bewegung ins Feld. "Eine Partei, die es eigentlich gar nicht gibt, eine Bande von riciclati (aus der Müll-Wiederverwertung) hat gewonnen!" polterte Freund Bossi.

Keineswegs, entgegnet Berlusconi, er habe doch in wenigen Wochen 13 000 Fanclubs mit einer Million Mitgliedern für sich auf die Beine gebracht. Und auch ein Programm hat er vorzuweisen: weniger Steuern und Sozialabgaben, mehr Geld für Polizei und Armee, Schluß mit politisierter Justiz und unrentablen Staatsunternehmen und dann ein Wirtschaftswunder der zweiten Republik: eine Million neue Arbeitsplätze ... Gegen was also protestiert Bossi? Die Föderalisierung Italiens, die ihm am Herzen liegt, soll er ja genauso bekommen, wie Finis Wunsch nach einer Präsidialverfassung erfüllt werden soll.

"Wenn Bossi dennoch weiterbrüllt, ziehe ich alle meine Abgeordneten zurück, und wir wählen noch einmal!" wehrt sich Berlusconi. Vorigen Dienstag brach er brüsk sogar das Gespräch mit Bossi ab. Er weiß, daß dieser schon nach links vorfühlt: Bei dem unglücklichen Mario Segni, dem Exchristdemokraten, der das Wahlrechtsreferendum durchsetzte und nun selber ein Opfer der Reform wurde, aber auch bei den Exkommunisten könnten sich Partner finden.

Wieder wird – wie immer – gefeilscht und gekungelt. Nur geschmiert wird (noch?) nicht. Viel guter Wille – sogar mehr denn je – scheint mobilisiert zu sein, aber die Wege bleiben verschlungen. Freude und Ärger mischen sich auch im Kopf des Siegers Berlusconi. Ist er wirklich der große Reformator? In den Ostertagen fand er wieder einmal Zuflucht bei seinem verehrten Erasmus von Rotterdam, zu dessen "Lob der Torheit" (1509) er sogar einmal ein Vorwort schrieb: daß die klügsten Entscheidungen "nicht aus Überlegungen des Gehirns kommen, sondern aus weitsichtiger, visionärer follia" – eben aus Torheit.

Vielleicht ist damit auch das Staatsoberhaupt, Oscar Luigi Scalfaro, gut beraten, wenn er nach der ersten Parlamentssitzung am 15. April Berlusconi mit dem Versuch beauftragen muß, eine Regierung zu bilden. Wieviel Eis muß dazu noch gebrochen, wieviel Porzellan zerschlagen werden? Die Wende ist zwar unumkehrbar, doch wohin sie führt, weiß niemand genau zu sagen. Radikal war in Italien – zu seinem Glück – noch keine Revolution. Als Garibaldi 1860 vergebens nach Rom zu marschieren versuchte und der Papst (der heute noch dort sitzt) vor dem kommenden Nationalstaat zitterte, meinte Ferdinand Gregorovius, der aus Ostpreußen angereist war, um die Geschichte der Stadt zu schreiben: "So wie es in Italien war, konnte es nicht bleiben. So wie es sein sollte, wird es leider nicht werden." Und zur Vermeidung von Mißverständnissen: "Auch bei uns Deutschen kommt ja das Heil nicht aus heiler Haut."