Im Alter von 88 Jahren ist in Amerika eine Frau gestorben, die außer Briefen und ermunternden Notizen keine Zeile Poesie oder Prosa geschrieben hat. Und doch müssen wir einen gar nicht abzuschätzenden Verlust für die deutsche Literatur beklagen. Mit Helen Wolff, die am 28. März einer Herzschwäche erlegen ist, verliert die Literatur deutscher Sprache in Amerika ihren wachen Geist, den Schutzengel, die Tür- und Herz-Öffnerin.

Helena Mosel wurde am 27. Juli 1906 in Mazedonien geboren. Der Vater kam aus Deutschland, die Mutter aus Österreich-Ungarn. Zu Hause wurde – man wußte nicht, was „multikulturell“ ist, aber lebte so – Deutsch, Türkisch, Serbisch gesprochen. So entdeckte die kleine Helena ihre Begabung für Laute, Sprachen, Literatur. Nach dem Besuch Wiener Internate sitzt die gerade mündig Gewordene als Lehrling im Verlag des zwanzig Jahre älteren Kurt Wolff in München. Kleiner Verlag. Großer Verleger. Kurt Wolff hat den Mut, als erster Kafka zu drucken.

Noch ehe die junge Verlagsangestellte ihren Beruf richtig hätte lernen können, für den sie aber von Wesen, Temperament, Bildung her alles längst in sich hat, sitzt sie mit ihrem Chef, der seit 1933 ihr Mann ist, auf der Straße. Den klugen Bücher-Menschen, den sie „Vater der Expressionisten“ nennen, will ein Deutschland nicht mehr unter sich dulden, das sich nach 1933 an Hitlers Rasse-Idealen von Karnickelzüchtern aufrichtet.

„Pantheon-Books“ nennen Helen und Kurt Wolff 1942 ihren amerikanischen Verlag – und muten ihren Lesern in der Neuen Welt als erstes zu: die Lektüre der damals als brutal und präfaschistisch verschrienen „Deutschen Märchen“ der Brüder Grimm.

So blieb das Verleger-Paar, auch als es unter dem Dach des Editionshauses Harcourt Brace Jovanovich seit 1961 eigene Bücher herausbringen kann: unkonventionell, überraschend, dem Stilgefühl und den Kunstidealen des alten Europa verpflichtet. „A Helen and Kurt Wolff Book“, das war, das ist ein Gütesiegel für Literatur deutscher Sprache in Amerika. Max Frisch, Günter Grass, Uwe Johnson, Jurek Becker, Joachim Schädlich haben unter Schutz und Segel dieser Qualitätsmarke ihre erstaunlich hohen Auflagen erreicht. „Grand Dame of Letters“, verehrungswürdige Dame der Literatur und Bildung: So pries die New York Times schon 1979 die aus ihrer deutschen Heimat vertriebene Frau. Hat man je gehört, daß einer unserer Bundespräsidenten diese Frau geehrt hätte, die für deutsche Sprache und Literatur mehr geleistet hat als alle sogenannten Kulturattaches? Hat der als Kanzler der „geistig-moralischen Wende“ daherstapfende Kohl, der zum Händchenhalten schon mal ein Staatsoberhaupt vor SS-Gräber zerrt, dieser tapferen, aus „unserem deutschen Vaterland“ verjagten Einzelkämpferin für ein besseres Deutschland je ein „Danke!“ gemurmelt?

Helena Mosel hat von deutschem Geist nie gefaselt, sondern europäische Kultur gelebt. Dieser bescheidene Mensch („Ich bleibe lieber geheim auf der Welt“) hat für deutsche Literatur getan, was über die Kraft eines Verlagsmenschen geht. Nach dem Unfalltod von Kurt Wolff 1963 (beim Besuch der großen – und ersten – Expessionismus-Ausstellung in Marbach am Neckar) tat Helen Wolff den Verlag allein weitergeführt, deißig Jahre lang. Die in der europäischen Kulturwa heimische Leserin hat ihren amerikanischen Gelgebern Bestseller ins Haus gebracht: Pasternak um Simenon, Lem und Eco, Amos Oz und A. M. Lindergh, aber auch Max Frisch, Günter Grass, Uwe Jonson: „Deutsche Literatur – nur daran bin ich inressiert.“

Daß es eines der großen ersehen Werke deutscher Sprache dieses Jahrhunerts gibt, Uwe Johnsons „Jahrestage“: Wir verdaken es auch dieser Frau. Sie hat dem von deutschr Kleingeisterei zermürbten Autor einen Arbeitplatz in New York beschafft.