Er wollte aber keiner sein, schon gar nicht mehr, nachdem er in jenem Herbst nach den Olympischen Spielen zum erstenmal in einer Turnhalle in Baku trainiert hatte. Das will er auf deutsch erzählen: "Ich gemacht Abgang vom Reck. Auf einmal Stange gebrochen, weil Reck so alt war. Und ich – ssstssst..." – sein Arm fährt in einem Bogen durch die Luft –, "... ich fliegen auf den Kopf in Grube. Krrrr!" Dabei läßt er seinen Kopf in die auffangbereiten Hände stürzen und verharrt so, als er weiterspricht: "Alle Geräte alt, särr alt. Särr gefährlich. Und dann ich sag’..." – mit diesen Worten richtet er sich wieder auf, pfeift durch die Zähne – "... fertig! Ich muß fahren nach Deutschland!"

In Wahrheit war dieser Entschluß längst gefaßt, denn Valeri Belenki hat nicht nur einen wendigen Körper, sondern auch einen flinken Verstand. In dem Augenblick, als er begriff, daß der Staat, dessen Turner er war, aufhören würde zu bestehen, wurde ihm schlagartig klar, daß nun der Zeitpunkt gekommen war, sein Leben mit dem seines Urgroßvaters zu verbinden. Dieser war noch zur Zarenzeit, kurz nach der Jahrhundertwende, aus Bayern in jenes Gebiet Rußlands eingewandert, das 1924 zur Autonomen Wolgadeutschen Republik ernannt wurde.

Valeri war noch ein kleiner Junge, als sein Großvater ihm von jenem Land erzählte, das nach dem großen Strom benannt war. Er erzählte ihm deutsche Märchen, so, wie sie ihm selbst von jenem für Valeri sagenhaften Vorfahren aus Bayern und dessen Frau, einer Französin, erzählt worden waren. Und er erzählte ihm manches, was nicht in den sowjetischen Geschichtsbüchern stand: zum Beispiel die Geschichte, wie Stalin während des Krieges mit Deutschland die Menschen aus der Wolgadeutschen Republik deportieren ließ – so waren die Belenkis nach Baku gekommen.

Valeri wurde eingeschärft, mit niemandem darüber zu sprechen. "In Aserbajdschan Deutsch nicht gut. Leute sagen: du Hitler!" Mit einer Geste, deren Komik den Ernst jener Situation in die Leichtigkeit umformt, mit der er dies jetzt zu behandeln wünscht, setzt er sich die Hand wie eine Pistole an die Schläfe. "Krrrr!"

Bald werden seine Eltern und sein Großvater aus Baku nach Rußland zurückkehren. Valeri hat ihnen von dem Geld, das er als internationaler Turnstar verdient, in der alten Stadt Vladimir, nicht weit von Moskau entfernt, eine Wohnung gekauft. Als Russen gehören sie in Baku einer gefährdeten Minderheit an. Fragt man ihn, was er nach einem Jahr Leben in Deutschland als besonders angenehm empfände, so sagt, er, hier sei alles so normal, so übersichtlich, so friedlich.

In den deutschen Turngauen war es zunächst gar nicht so friedlich, als die Kunde vom Coup der Schwaben dorthin drang. Unerwartet war ein mächtiger, vielleicht übermächtiger Konkurrent aufgetaucht. Doch die Wettkampfbestimmungen ließen Valeri Belenkis Start bei den Deutschen Meisterschaften 1993 zu. Die Vision mancher Funktionäre, es werde einen deutschen Zwölfkampfmeister geben, dessen Siegerrede von einem Dolmetscher übersetzt werden müsse, bewahrheitete sich dann aber nicht, weil Belenki das neue Pflichtprogramm noch nicht beherrschte. In der Kür turnte er dann alle in Grund und Boden und gewann die Meistertitel an dreien der sechs Einzelgeräte, Pauschenpferd, Sprung, Reck.

"Es war Vorsicht und Abwarten bei den anderen Turnern, und es war nicht gleich Freundschaft, aber es war auch nicht Feindschaft", beschreibt er selbst die Reaktion seiner neuen Konkurrenten, von denen einige allerdings zugleich künftig seine Kameraden in der Nationalmannschaft sein würden. "Mit Belenki", so frohlockt man inzwischen beim Deutschen Turnerbund, "können wir im Herbst bei der Mannschaftsweltmeisterschaft in Dortmund eine Medaille gewinnen."