Von Jürgen Krönig

London

Die meisten Engländer halten sich mit Kritik an der Entscheidung des britischen Fußballverbandes, das Länderspiel gegen Deutschland am 20. April in Berlin abzusagen, vornehm zurück. Protest ertönt nur selten, und dann meist in einer Art und Weise, die auch enttäuschten deutschen Lokalpolitikern und DFB-Funktionären keine Freude machen würde; zum Beispiel auf der "Isle of Dogs" im Osten der City von London: Dort nehmen junge Männer in verwaschenen Jeans und schwarzledernen Bomberjacken kein Blatt vor den Mund: "Fucking idiots" seien die Vorstandsherren der englischen Football Association. Die "alten Säcke" hätten wohl "die Hosen voll". Zu ihrer miesen Stimmung mag beitragen, daß ihr lokales Fußballteam, der Zweitligist FC Millwall, am Vortag im Aufstiegsduell gegen die Rivalen von Crystal Palace verloren hat. Zu allem Übel spielen in der Mannschaft von Crystal Palace etliche farbige Spieler: Die hatten sich offenbar nicht beeindrucken lassen von den Störmanövern eines Teils der Millwall-Fans, von rassistischen Gesängen, dem höhnischen Grunzen, wann immer ein Farbiger in Ballbesitz kam.

An diesem Sonntag nachmittag sind die Millwall-Fans im Wahlkampfeinsatz auf der Isle of Dogs; im Schatten der postmodernen Türme der Docklands peilen die britischen Neofaschisten hier ihren größten Wahlsieg an. Die "Jungs" fungieren als inoffizielle Schutztruppe von Derek Beackon, der seit dem Sieg bei den Nachwahlen im vergangenen Sommer bislang der einzige Stadtrat der rechtsextremen British National Party (BNP) ist. Beackon, ein untersetzter, beleibter Brillenträger mit Schnauzbart, gibt sich jovial und verbindlich; pausenlos klopft er an Türen, verteilt Flugblätter und versichert den Leuten, daß in diesem Stadtteil einfach zu viele Asiaten leben. Allzeit bereit zuzuschlagen, halten seine finster dreinschauenden "Jungs" derweil Ausschau nach möglichen Störern.

Noch einmal kommt die Sprache auf das geplatzte Spiel im Berliner Olympia-Stadion. Tut es ihnen leid um das Match selbst, oder ärgern sie sich, daß ihre Flugtickets wertlos geworden sind? Über das Gesicht von Mike, dem Wortführer der Gruppe, huscht ein mißtrauisches Grinsen. Es nimmt feindselige Züge an, als die Frage nach Plänen für den 20. April, Hitlers Geburtstag, nachgeschoben wird: "Fuck off."

Mehr als tausend englische Fans hatten sich Eintrittskarten für das Länderspiel in Berlin gekauft. Chefinspektor Brian Drew von der Football Intelligence Unit Scotland Yards ist sicher, daß einige von ihnen trotz der Absage nach Deutschland reisen werden. Wie viele, kann er nicht sagen. Die rechtsextremistischen Drahtzieher gewalttätiger Fußballgangs seien sehr vorsichtig geworden. Sie meiden Schriftliches, verständigen sich per Telephon, reisen allein oder in kleinen Gruppen. Vor allem aber pflegen sie intensive Kontakte nach Skandinavien, Deutschland, Frankreich und in die Beneluxstaaten.

Im Januar hatte Inspektor Drew eindringlich vor rechtsextremistischen Ausschreitungen am Rande des Länderspiels Deutschland-England gewarnt. Ein internationales Faschistentreffen am 15. Januar hatte einen düsteren Vorgeschmack geliefert. Neonazis aus fünf Ländern waren ins Londoner Eastend gekommen, um Nazi-Rockbands zu feiern und um die Pläne für den Geburtstag des "Führers" zu koordinieren. Die ganze Nacht über lieferten sich Neonazis und Antifaschisten wilde Kämpfe, auf Straßen, Bahnhöfen und in Kneipen. Die Unruhen schwappten nach Mittelengland, nach Nottingham und Derbyshire über.