Offener Widerspruch war undenkbar. Seine allerchristlichste Herzogliche Hoheit, fast wäre sie König von Sachsen geworden, ließ in den über fünfzig Jahren gemeinsamer Arbeit und Freundschaft mit dem Frankfurter Bürgersohn allerstrengste Convenienz walten. Er wußte ihn zu ehren und zu maßregeln. Er hat ihn aus dem Haus am Frauenplan verwiesen, und er hat ihm Liebesdienste geleistet. Er hat sich über ihn "zu schänden geärgert", und er hat mit seinem Namen diplomatischen Staat gemacht. Er hat ihn mit Macht und Nobilität ausgestattet, und er hat ihn kleinliche und hochfahrend feudale Ressentiments spüren lassen.

Carl August, heeresstolzer Großherzog von Sachsen WeimarEisenach und Johann Wolfgang von Goethe, obsessives literarisches Bürgergenie aus dem Hessischen, sie haben gut fünf Jahrzehnte lang einen historisch exemplarischen Freundschaftskampf durchgefochten, in dem alle politischen Umbrüche und mentalitätsgeschichtlichen Verwerfungen zwischen Aufklärung und Vormärz ausgetragen werden mußten.

Goethe, der im Alter so wohlredend "Entsagende", war dies vor allem auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Er war jener geschmeidige Höfling, als den ihn manch enragierter Zeitgenosse verunglimpfte, in dem Sinn, daß er seine beträchtliche ökonomische Subsistenz höchst diplomatisch zu behaupten und zu sichern gewußt hat. Nur in kluger Abwägung, ja in raffiniertester Verhaltensdelikatesse, war die Adelsgunst am Hofe, zumal die der kunstinnigen Damenwelt, auf Dauer zu bewahren. Herabwürdigung, ja Entsetzung von allen mühsam erworbenen Privilegien und Obliegenheiten drohten bis zum Lebensende. Keine Rede also vom hochmögenden Dichterfürsten, der die zum Weltgeist aufgeschossene sächsische Herzogsprovinz gleichsam als Kulturaristokrat befehligt hätte. Friedrich Sengle kann diese, nicht in jeder Hinsicht neue These, mit altmeisterlicher Materialbeherrschung bis in entlegenste und oft höchst überraschende Einzelheiten dokumentieren und belegen, Der junge Dichter, ein Fanal der "wer- H therisierenden" Jugend, gerät auf Einladung des unbändigen, justament auf den Thron gelangten Herzogs in die höfische Machtsphäre. Er begehrt bewußt und stolz die Nähe der Großen, will weder ein bürgerliches Amt, noch die Fron der Ehe, sondern sucht vor allem eines: Selbstverwirklichung seines Genies. Es hebt nun an, was man später den Weimarer "Sturm und Drang" genannt hat. Der Dichter und der Fürst sind herzenseinig. Sie reiten wie die Berserker durch Nacht und Wind, baden ohne Kleider in kalten Wassern, suchen Liebeshändel, machen gemeinsame Reisen und sind doch gewissermaßen professionell - aufeinander verwiesen. Der geistsprühende Poet soll das Erziehungswerk des erlauchten Professors Wieland an diesem herzoglichen Feuerkopf weiterführen. Doch der Dichter, wiewohl er rasch zum Geheimrat im Conseil, zum Leiter der Kriegskommission und der Ständekammer wird, erweist sich selber als so ungefestigt, so voller "Genie Jammer", daß die pädagogische Kur für beide, den feudal widerborstigen Edelmann und das ins Universale drängende Genie, nach einigen Jahren fruchtlos abgebrochen wird.

Bis in die achtziger Jahre hinein ist Goethe der grollend antihöfische Intellektuelle, der sich als "Anwalt aller Untertanen" versteht, der immer mehr Distanz zur Aristokratie erwirbt und seine gelehrte Arbeit als moralisches Gegenprinzip zum bloß Machtbesessenen verstanden wissen will. Seine Flucht nach Italien von 1786 kommt nicht aus heiterem Himmel; hier weicht ein "armer Sklave der Pflicht" in die amönen Fernen aus, der seine Arbeitskraft und sein gesamtes Lebensgefühl zu restituieren sucht.

Gleichsam als "Knecht" muß er schließlich heimkehren. Und er löst zugleich einen "Schock" in Weimar aus. Denn dieser im römischen Liebesleben erfahrene "Attizist", wie Carl August kopfschüttelnd vermerkt, will nun auch noch jene Buhlschaft namens Christiane Vulpius ins Haus nehmen! Doch Goethe muß sich dem höfischen Gout restlos beugen: Das Domizil am Frauenplan wird ihm genommen, von der Liaison kann keine Rede sein.

Überhaupt entwickelt sich der Herzog immer stärker zum Machtmenschen. Der Musenfreund in ihm scheint auf allzu harte Proben gestellt worden zu sein. Schickt es sich für den Direktor des weimarischen Hoftheaters, daß er den "Tasso" schreibt, diese filigrane Klage gegen die höfische Vereinnahmung des Intellektuellen? Nirgendwo ist Goethe so gründlich gescheitert wie als Direktor dieses Theaters. Weder gelingt es ihm, sich beim Weimarer Publikum gegenüber der Iffland Kotzebue Fraktion durchzusetzen, noch schreibt er selber "spielbare Stücke". Erst in der gemeinsamen Zeit mit Schiller, wenngleich wieder unter großen Schwierigkeiten, wird sich daran einiges ändern. Die "geistige Großmacht" Weimar, die der Geheimrat Goethe im Verein mit dem berühmten Professor und Dramatiker zu etablieren gedenkt, steht einstweilen unter dem historischen Donnergrollen der Französischen Revolution. Höchst widerwillig läßt sich Goethe auf jene berühmte "Campagne in Frankreich" ein, deren Aventüren er erst gute dreißig Jahre später zu Papier bringt. Goethe will sich als Zeitgenosse weder das Treiben der "Aristocraten" noch das der "Democraten" aus der Nähe anschauen Überhaupt das Gebaren der Aristokratie und das peinigende Phänomen der Macht umd ™""""" des Krieges: Goethes Hofmüdigkeit nimmt stetig zu. Carl August emtwickelt immer kühnere nationalpolitische Ambitionen. Er plädiert für den antifranzösischen Fürstehbund und macht i sich manche Illusionen hinsichtlich der politischen Fortune seines Miniaturstaates im Konzert der kontinentalen Groß- und Mittelmächte. Schon aus diesen Gründen ist ihm das widersätzige, revolutionsflirrende Geistesleben in Weimar und besonders in Jena suspekt. Es hagelt fortan "Donnerschläge" gegen den Goethe Kult der Romantiker und die Neigung seines ersten Staatsdäeners, den idealistischen Gout der Gebrüder Schlegel auch noch zu unterstützen. Vollends die Probleme mit Schiller lassen den Herzog zum furiosen Disziplinarherrn werden. Schillers "Braut von Messina" auf der Bühne des weimarischen Hoftheaters: jubelnde Vivats bei den einen, Entsetzensschreie bei der wohlgelittenen KotzebueFraktion! Welche Unruhe im Lande! Goethe erntet bittere Vorwürfe; das Verhältnis der Schillerschen Familie zur Weimarer Nobilität scheint unwiderruflich zerrüttet. Einige Jahre später muß Goethe die Denkmalfeier für den verstorbenen Freund draußen im Sommertheater von Lauchstädt zelebrieren: Das höfische Weimar ist kein Ort mehr für solch "bürgerliche" Demonstration. Das alles inmitten der Revolutionskriege. Nach der Schlacht von Jena und Auerstädt ist der Herzog aus Weimar verschwunden. Es kommt zu Besatzung und Einquartierungen. Goethe, der Napoleon Verehrer, kann sich den künftigen Frieden nur als Leistung dieses "Weltgeistes zu Pferde" vorstellen. Carl August dagegen ist einer der eifrigsten Anti Napoleonisten und Vorkämpfer des anhebenden Nationalliberalismus. In dessen Zeichen wachsen die Spannungen zwischen Fürst und Diener aufs schärfste an. Zwar wird der Dichter zur "Exzellenz" ernannt, er darf Christiane heiraten und erhält ein stattliches Haus zum Geschenk, aber die dauernden Rivalitäten zwischen der Mätresse des Herzogs, der berühmten Schauspielerin Cärolihe Jägeriiahn, und dem Theaterdirektor Goethe werden immer massiver. Sie enden 1817 mit Goethes Amtsenthebung.

Das einzige Labsal, das dem bald Siebzigjährigen noch bleibt, sind die "böhmischen Zauberkreise", die Aufenthalte in Karlsbad etwa, wo Goethe mit den Spitzen der europäischen Aristokratie zu soupieren und gelegentlich auch bei ihnen zu antichambrieren pflegt.