ESSEN - Seit Wochen schon wirbt die größte Stadt des Ruhrgebiets mit einem Spektakel, das erst im Dezember stattfinden wird: ein "Gipfel" der Europäischen Union (EU), auf dem auch noch eine "Essener Erklärung" verabschiedet werden soll. Die stets wehleidig um das Image ihrer Stadt besorgten Mandatsträger freuen sich, daß der Name Essen im Zusammenhang mit einem politischen Großereignis in Erinnerung bleiben soll. Mancher ausländische Gast aber könnte Essen ganz anders im Gedächtnis behalten: Etwa wenn er Taxi fährt und über das Funkgerät mithört, daß die Taxi Zentrale einen Fahrer zu einem Kunden schickt, der ausdrücklich keinen ausländischen Fahrer haben will.

Mit eben diesem fremdenfeindlichen Kunden- i Service ist die Essener Taxi Zentrale jetzt in die Schlagzeilen geraten.

"Nicht immer, aber immer öfter", berichtete die Kunden den Wunsch, nur von einem Deutschen gefahren zu werden - und würden prompt bedient. Mit Ausländerfeindlichkeit habe dies jedoch nichts zu tun, wehrt sich Albert Mertes, Geschäftsführer und Vorsteher der Essener Taxi Genossenschaft, die rund 500 der 621 Droschken der Stadt über ihre Funkzentrale steuert. Der Grand für solche Kundenwünsche, meint Mertes, seien vielmehr Sprachprobleme. Immer wieder komme es zu "Fehlfahrten" und Reklamationen, weil ausländische Fahrer sich verhört hätten. Das Personal in der Vermittlung habe oft "Probleme, Aufträge akustisch weiterzugeben", weil die ausländischen Kollegen nicht richtig verstünden.

Der Taxifahrer Fahim Awad, der palästinensischer Abstammung ist und inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, bestreitet das. Er hält Mertes Begründung für "fadenscheinig und erbärmlich". Er wisse von ausländischen Kollegen, daß sie bei der Vergabe von Funkfahrten übergangen worden seien. Das Vermittlungspersonal, darauf angesprochen, habe dazu erklärt, die Fahrgäste hätten "ausdrücklich einen ausländischen Fahrer verweigert"; von Verständigungsproblemen sei keine Rede gewesen. Das könnte er sich auch nur schwer vorstellen, sagt Awad; schließlich müßten Deutsche und Ausländer ja die gleiche Prüfung ablegen, wenn sie den amtlichen Personenbeförderungsschein erwerben wollen. Verstehen könne er ja noch, wenn ein Fahrgast an einem Taxi Haltepunkt lieber zu einem deutschen als zu einem ausländischen Fahrer ins Auto steige, erklärt Awad. Dies falle eben unter die "Dispositionsfreiheit des Taxibenutzers", wie er in geschliffenem JuristenDeutsch formuliert. Daß jedoch die Taxi Zentrale solche diskriminierenden Wünsche akzeptiert, könne "nicht hingenom™ men werden". Sie habe "die Gleichstellung sämtlichen Fahrpersonals sicherzustellen". Angesichts "wachsender Ausländerfeindlichkeit", so erklärt Awad, sei es "skandalös", daß die Taxi Genossenschaft sich "vor den Karren von ewig Gestrigen spannen läßt".

"Normalerweise dürfte dat nich sein", findet auch Taxifahrer Karl Uhlenbruch. Er habe "dat auch schon ma erlebt", daß ausländische Fahrer abgelehnt worden seien "Ich hör ja n Funk " Die meisten deutschen Fahrer seien jedoch mit ihren ausländischen Kollegen solidarisch. Wenn er zum Beispiel am Hauptbahnhof stehe und ein Fahrgast steige nicht ins erste Auto, weil der Fahrer Ausländer ist, sondern zu ihm, dann sage er schon mal: "Nee, ich fahr Sie nich, da könnse mal zu Fuß gehen "

Rückendeckung erhält die Taxi Zentrale jedoch vom Verband des Verkehrsgewerbes Nordrhein. Geschäftsführer Holger Goldberg verweist auf ein Urteil des Amtsgerichts Krefeld aus dem Jahi 1984, wonach eine Taxi Zentrale den Kundenwunsch nach einem deutschen Fahrer weitergeben darf. Goldberg: "Die Diskriminierung liegt beim Kunden" - nicht bei der Zentrale. Im übrigen komme es auch umgekehrt vor, daß zum Beispiel türkische Fahrgäste auch türkische Chauffeure anfordern. Werden da nicht deutsche Fahrer benachteiligt?

Fahim Awad ist es leid, sich mit diesem Problem herumschlagen zu müssen. Schon vor sieben Jahren hat er die örtlichen Zeitungen und Kommunalpolitiker auf die Diskriminierung ausländischer Taxifahrer hingewiesen. Der damalige Oberbürgermeister Reuschenbach schrieb Awad, die "geschilderten Sachverhalte" gäben "zur Sorge Anlaß"; er versprach, eine "Überprüfung" zu veranlassen und sich "zu gegebener Zeit" wieder zu melden. Darauf wartet Awad bis heute. Auch damals hatte die NRZ das Thema aufgegriffen und einen Taxifahrer mit der Frage zitiert: "Was sollen vor allem die zahlreichen ausländischen Messegäste denken, wenn sie im Wagen mithören, daß ein Ausländer abgelehnt wird?" Taxi Chef Mertes erklärte damals: "Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen, und wir haben Kundenwünsche zu respektieren Im übrigen hatte er, laut NRZ, die Lösung parat: "Das Funkgerät einfach leiser schalten Roland Kirbach