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Der Kopf. Der Kahlkopf. Unmöglich, von Kurt Meisel zu reden, ohne über die beinahe weltberühmte Meisel Glatze zu reden. Tun wir es also lieber gleich. Für die bunte Presse war Kurt Meisel die deutsch österreichische Antwort auf Yul Brynner. Dabei war es historisch genau umgekehrt: Yul Brynner war Hollywoods Antwort auf Kurt Meisel.

Der nackte Schädel, das war das eine. Das andere war die Stimme: Meiseis hohe, manchmal falsettierende Stimme, die genausogut weich schmeicheln wie eifernd gellen konnte. Wenn der Schauspieler Meisel auf der Bühne schrie (und das tat er weiß Gott nicht gerade selten!), dann wurde doch, niemals ein Gebrüll daraus, denn die Stimme schien nicht von tief unten zu kommen, aus Bauch oder Brustkorb, sondern ganz oben aus dem Kopf. Kein dumpfes Mimengeschrei - ein schneidender Kampfgesang.

Mit diesem Schädel und dieser Stimme wirkte Meisel immer wie ein exotischer Krieger, ein Mongole der Wut und des Schmerzes. Doch das war eine wunderbare Täuschung. Denn wenn man genauer hinhörte und hinsah, merkte man schnell, daß das Kriegerische immer durch das Wienerische besänftigt wurde. Daß Kurt Meisel (Wahlspruch: "Theater muß gefährlich sein!") selbst in den schwarzen oder dämonischen Rollen niemals vollkommen eisig und finster zu werden vermochte. Etwas Liebes, fiebernd um Liebe Flehendes hatte er sogar, wenn er die Intriganten, Halsabschneider und Mörder geben mußte.

Irgendwann in den sechziger Jahren spielte er in München den englischen König in Jean Anouilhs Edel Reißer "Becket oder Die Ehre Gottes" (sein Partner und Widersacher war Thomas Holtzmann). Anouilh erzählt, wie die strengen Gesetze des Staates und die noch strengeren Gebote Gottes zwei Männer, die glühende Freunde sind, zu Todfeinden machen müssen. Eine grandiose Rolle für Meisel, denn als Krieger und Wiener gebot er über beides: über eine Aggressivität ohne Kälte, eine Sentimentalität ohne Schmalz. Liebe ist kälter als der Tod, behauptete später der große Künstler Fassbinder. Als Englands König vertrat Meisel mit aller Verve die vielleicht dubiose, aber doch tröstliche und schöne Gegenthese: Liebe ist heißer als der Mord. Einen Mann kann man töten, eine Männerfreundschaft nicht! Rührstücke wie das von Anouilh spielte Meisel nicht mit schlechtem Gewissen, sondern mit ruchloser Begeisterung.

Er war ein Schauspieler unter Hochspannung. Nicht jeder Auftritt glückte ihm, aber jeder war irgendwie furios. Wenn Kurt Meisel inszenierte, blieb er Schauspieler, und da begannen die Probleme. Denn er befeuerte zu furiosen Auftritten auch solche Kollegen, deren Heimstatt längst das Beschauliche, Bedächtige und Satte geworden war. Die nun plötzlich Leidenschaften simulieren mußten, über die sie (anders als ihr immer lodernder Regisseur) kaum noch verfügten. Das Resultat war dann manchmal (vor allem bei Shakespeares Tragödien) ein stürmisches Desaster: viel Lärm, wenig Geist.

Trotzdem war das geläufige Urteil über Meisel (glänzender Schauspieler, mäßiger Regisseur) nicht die ganze Wahrheit. Wenn er sich nicht gerade maßlos an Shakespeare messen wollte, wenn er es schaffte, seine Furien in den Feierabend zu schicken, gelangen ihm auch absolut souveräne, ja meisterliche Inszenierungen. Nestroys Posse mit Gesang "Das Mädl aus der Vorstadt" - ein Beispiel für vollkommene, selige Kindlichkeit. Millard Lampells Ghetto Drama "Die Mauer" - ein Beispiel für vollkommenen, untheatralischen Ernst.

Der junge Meisel spielte nicht die schwermütigen Prinzen (Hamlet und seine Brüder), sondern die Strizzis, Schürzenjäger, Herzensbrecher. Der mittlere Meisel wanderte im Sturmschritt durchs weite Land der Klassikerkönige und Königsmörder. Der Tragödienväter und Rappelköpfe. Und dann (es eilt die Zeit, wir eilen mit) geschah ein kleines Theaterwunder.

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Denn der alte Meisel wurde der beste Meisel. Als er niemandem mehr Eindruck machen mußte (nicht einmal sich selber), als alle Wirkungssucht und Gewaltsamkeit seines Gewerbes von ihm abfielen, konnte er schlicht überwältigend sein: Weisheit, Leichtigkeit und leuchtende Ironie hielten Einzug in den alten Theatermacherfeuerkopf. Zusammen mit Will Quadflieg spielte er 1987 im Hamburger Thalia Theater Herb Gardners New Yorker Rentnerromanze "Ich bin nicht Rappaport". Quadflieg noch immer der ewige Theaterjüngling, tänzelnd, dampfend, schnaubend, keine Pointe verschenkend. Meisel wahrhaftig ein alter Mann: skeptisch, spöttisch, aus allen Kämpfen heraus, aller Künstlerkrämpfe ledig. Einer, der das böse Leben hinter sich hat und der doch, ganz geistesgegenwärtig, noch immer dabei ist.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Meisel in Hamburg (wenn er nicht gerade rastlos gastierte). Manchmal hatte, wan dasVergnügen, mit ihm eine Fahrt im Autobus 109 zu machen. Meisel, sehr alt geworden, jammerte niemals, schwärmte immer. Von den alten Theaterzeiten, natürlich. Aber, was noch schöner war, auch von den neuen, die er ohne jede Altmännerbitterkeit staunend betrachten konnte. Er schwärmte von Susanne Lothar und Ulrich Mühe, von Andrea Breth und Peter Stein. Und hörte erst auf zu schwärmen, als der Bus am Gerhart Hauptmann Platz hielt. Danach war der Tag ein bißchen besser - denn es war ganz und gar unmöglich, von Kurt Meiseis kindsköpfiger Begeisterung für das "grandiose" Theater und die "herrlichen" Theatermenschen nicht angesteckt zu werden. Er war ein Schwärmer. Aber er hatte auch recht.

Am 18. August 1912 wurde Kurt Franz Josef Meisel in Wien geboren. Wurde Schauspieler, Regisseur, Intendant. Spielte bei Gründgens und Fehling. Geriet in der Nazizeit auch in höchst fatale Filmkunstwerke wie "Die goldene Stadt" oder gar "Kolberg". Erlebte Erfolge und Desaster, war mal der Liebling der Kritik, mal ihr Erzfeind. Aber niemals zog er sich beleidigt ins Abseits zurück, er wollte dabeisein, bis zuletzt. In der Nacht nach Ostermontag, am 5. April 1994, ist Kurt Meisel an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben, 81 Jahre alt. Sein letzter Fußweg auf Erden führte durch Wien. Sein Ziel, das er nicht mehr erreichte: das Burgtheater.