Der berühmteste Meier unter den Architekten heißt Richard, ist ein Amerikaner und schreibt sich mit i. Unter den y-Meyers der zeitgenössischen Baukunst hatte es spät, sehr spät, nur ein Schweizer zu allgemeinem Ansehen gebracht: Hannes Meyer (1889-1954), der eigenwillige Nachfolger Walter Gropius’ als Bauhaus-Direktor in Dessau. Seine große anerkennende Ausstellung hatte er erst vor fünf Jahren bekommen. In der Schweiz erinnert man sich auch an Peter Meyer (1894-1984), einen als zeitkritischen Bauhistoriker zu Ruhm gekommenen Architekten. Den 1935 geborenen Südafrikaner Wilhelm Olaf Meyer nicht zu kennen, muß sich niemand schämen. Und so verhielt es sich auch mit Adolf Meyer (1881-1929).

So war es bis jetzt, da das Berliner Bauhaus-Archiv ihn aus dem Schatten desjenigen geholt hat, dessen Duo-Partner er zehn Jahre lang war und der stets alles darangesetzt hatte, genau das zu verhindern: Walter Gropius hat das Degradierungsspiel bis in die Sprache hinein getrieben, wo er seinem Angestellten Meyer nicht einmal das Bindewort und zugestand, sondern nur die Präposition mit. Also lautete die Urheber-Angabe stets: Walter Gropius mit Adolf Meyer. Das durchtriebenste Beispiel hatte er in der Bauhaus-Ausstellung in New York 1938 gegeben, wo er Meyers Bild in einer Portraitgalerie ausließ und durch einen leeren, üblerweise verschnörkelten Bilderrahmen ersetzte, darin nur der Name stand.

Deshalb führt die Ausstellung, mit der das Bauhaus-Archiv Adolf Meyer nun zum erstenmal Gerechtigkeit widerfahren läßt, auch den Untertitel „Der zweite Mann“. Und deshalb brauchte sie – was sonst oft nur die Gelegenheit von Ausstellenden ist, sich interessant zu machen – einen ausführlichen Katalog, der in diesem Fall die erste, eine überaus gründliche, angenehm zu lesende Monographie ist. Ihre Verfasserin ist Annemarie Jaeggi. (Schade nur, daß auch dieser Band mit den unausrottbaren Mängeln behaftet ist: Die Fußnoten kann man nur unaufhörlich wälzend ganz hinten erfahren, und es gibt keinerlei Register!)

Adolf Meyer also, der zweite Mann, „ein Architekt im Schatten von Walter Gropius“ – er hätte es, wie Pierre Jeanneret neben seinem Brüder Le Corbusier, wie alle zweiten Männer, niemals wirklich zum anerkannten ersten Mann bringen können: Da er nach der Trennung so gebaut hat, wie er es für klüger hielt, hieß es, seine Architektur sei spröder, herber, weniger elegant als die von Gropius; wäre er im Stil der „weißen Moderne“ geblieben, hätte man hämisch angemerkt, nun äffe er doch bloß Gropius nach, sei also doch kein Mann von eigener Eingebung – ein Fall mit einem Zug ins Tragische.

Meyer stammte aus der Eifel, hatte erst die Kunsttischlerei gelernt, später Architektur studiert, erst an der Kunstgewerbeschule in Köln, dann an der schnell zu höchstem Ansehen gekommenen in Düsseldorf, wo der Direktor Peter Behrens ihre Reform besorgt hatte, wo auch der Niederländer Johannes Ludovicus Mathieu Lauweriks lehrte, ein interessanter Mann, der nicht mehr „nach der Natur“ denken ließ, sondern nach geometrischen Entwurfs- und Formprinzipien. Als Behrens sein Hochschulamt aufgab, holte er seinen begabten Schüler Adolf Meyer in sein Neubabelsberger Büro. Dort saßen auch Mies van der Rohe und Walter Gropius. Und so geschah es, daß Gropius sich bald seines so offensichtlich begabten Kollegen Meyer erinnerte und ihn aus dem Atelier von Bruno Paul in das eben gegründete seine engagierte.

Er brauchte ihn. In einem 1907 an seine Mutter gerichteten Brief hatte er ja sein größtes Gebrechen beklagt, seine „absolute Unfähigkeit, auch nur das einfachste aufs Papier zu bringen“. 1909 wurden sie zu Partnern, der nur mündlich sich mitteilende (und also lediglich mit Worten entwerfende) Gropius und der zeichnend mit entwerfende Meyer, zunächst bis 1914. Es waren die vier Jahre, in denen dem Büro zwei epochale Bauwerke gelangen, das Fagus-Werk in Alfeld eine Inkunabel der klassischen Moderne, und die Musterfabrik, die auf der Werkbund-Ausstellung in Köln gebaut wurde, eine Demonstration des Formenreichtums, dessen die Moderne fähig ist.

Nach dem Ersten Weltkrieg setzten die beiden ihre enge Zusammenarbeit fort, unter anderem entstanden die Blockhausvilla des Holzunternehmers Sommerfeld und der Entwurf für den berühmten Hochhaus-Wettbewerb der Chicago Tribüne. Und nebenher arbeitete Meyer am Bauhaus mit, das Gropius in Weimar gegründet hatte. Er wurde hier der erste Meister für Architektur, für das noch gar nicht etablierte Fach, er war eher ein Werkzeichnen lehrender „Berater für die dilettierenden Bauhauskünstler“, wie Frau Jaeggi schreibt.

Als das Bauhaus 1925 aufgelöst werden mußte, trennte sich Meyer von Gropius, er blieb in Weimar als freier Architekt, dann bat ihn Ernst May, am „Neuen Frankfurt“ mitzuarbeiten. Dort hatte er sich als Leiter der Bauberatung am Hochbauamt um die von May erstrebte „allumfassende einheitliche Stadtgestaltung“ zu bemühen. Er war der überzeugungskräftige Ratgeber, dessen Kompetenzen bis zur Reklameordnung und zur Friedhofsgestaltung reichten. Aber dann hat er sich hier auch endlich seinen Namen mit einer eigenständigen und, wie sich zeigte, charaktervollen Architektur machen können, mit zwei Industriebauwerken. Darin bekräftigte er seine Abkehr von der Formelhaftigkeit der weißen (Bauhaus-) Moderne und machte sein Faible für eine kraftvollere, herbere, aus der Konstruktion und den Eigenheiten des Stahlbetons entwickelte, eine „ehrlichere“ Architektur deutlich. Annemarie Jaeggi nennt sie denn auch „sachlich richtiger und funktionaler als die von Walter Gropius“, aber auch spröder, weniger elegant.

Er baute neben anderem die Kokerei des Frankfurter Gaswerks am Osthafen, eine ausdrucksvolle Versammlung verschiedener, sehr plastischer Stahlbetonbauten, die, nach eigener Definition, „selbst die Träger des industriellen Prozesses“ waren. Danach entstand das Prüfwerk 6 des städtischen Elektrizitätswerks, das die andere Hauptform des Industriebaus darstellt: eine Gruppe zusammenhängender Gebäude, die als Gehäuse industriellen Vorgängen zu dienen haben. Es wurde ein vor allem konstruktiv interessanter Komplex. Nebenbei lehrte Meyer an der Frankfurter Kunstgewerbeschule Architektur, 1929 ertrank er im Urlaub vor der Nordseeinsel Baltrum. Den gönnerhaftesten Nachruf schrieb erwartungsgemäß Gropius, den schönsten und gerechtesten Bruno Taut.

Was es mit dem „zweiten Mann“ auf sich hat, macht die kurz und treffsicher kommentierte Ausstellung sichtbar – mit Skizzen, Rissen und Zeichnungen (auch einiger anderer Gropius-Mitarbeiter), mit Photographien, schriftlichen Dokumenten, mit Modellen und einer ganzen Anzahl von Gebrauchsgegenständen und Möbeln, die, natürlich, an den Tischler Meyer erinnern. Die berühmte Gropius-Klinke (mit Vierkantstab und rundem Griff) muß, das ist nun klar, Meyer-Klinke heißen. (Bauhaus-Archiv bis 29. Mai. Der 488seitige Katalog aus dem Argon Verlag, Berlin, kostet im Museum 48, im Handel 98 Mark.) Manfred Sack