Von Katharina Rutschky

Kein weibliches Wesen landauf, landab, das nicht irgendwann einmal seine Selbstfindung durch die Lektüre des einen oder anderen Bandes von Anaïs Nin zu befördern versucht hätte. Sie stand und steht im Ruf, eine interessante Frau mit Vergangenheit, mit Verbindungen in hohen und höchsten Künstler- und Intellektuellenkreisen gewesen zu sein, eine Schriftstellerin zudem, die in einer männlich dominierten Welt ganz Frau geblieben sei und gerade in eroticis und sexualibus enorme Erfahrungen gesammelt und diese auch ohne falsche Scheu beleuchtet und hochsensibel reflektiert habe. Von Ferne konnte es so aussehen, als sei es Anaïs Nin gelungen, die Quadratur des Kreises durchzuführen, eine Aufgabe zu lösen, an der seit Backfischtagen (mit Unterbrechungen) sich jede andere Frau vergeblich abgemüht hat.

Feminin und sensuell, arriviert und kreativ, intelligent und intuitiv, schön, aber apart, verehrt, geliebt, dennoch frei und selbstbewußt und außerdem stark, notfalls trotzig und rebellisch – so etwa ließe sich das Ideal umschreiben, dem Anaïs Nin so nahe gekommen schien wie noch keine andere Frau vor und neben ihr.

Man hat inzwischen längst vergessen, daß ihr Ruf und Ruhm ziemlich genau mit der Veröffentlichung des ersten Bandes ihrer Tagebücher 1966 zu datieren ist. Bis dahin war sie als Autorin erfolglos oder ungedruckt geblieben und bekannt primär für ihre Liaison mit Henry Miller in dessen Pariser Hungerjahren. Der eine oder andere wußte auch von ihrer obsessiven Tagebuchführung seit Kindertagen, nicht zuletzt deshalb, weil Anaïs Nin selbst damit öffentlich gern kokettierte und das eine oder andere Tagebuch auch kursieren ließ. Frühe Versuche, wenigstens ihr Kindertagebuch zu veröffentlichen, waren gescheitert, so daß bis 1966 ein Schatz von 15 000 Seiten im Tresor einer New Yorker Bank darauf wartete, gehoben zu werden. Der Zeitpunkt für die Veröffentlichung eines Dokuments erschöpfender weiblicher Selbstbespiegelung hätte nicht besser getroffen werden können: Eine neue Frauenbewegung schien im Entstehen.

Getragen vom Riesenerfolg der ersten beiden Bände, welche die Autorin zum Kultobjekt zahlloser Frauen in den USA machte, erschienen im Lauf der Jahre sieben Bände Tagebücher. Sie waren mit Rücksicht auf noch lebende Personen, insbesondere ihres langjährigen Ehemanns, gekürzt und bearbeitet, teils von ihr selbst, teils von einem gewissen Gunther Stuhlmann. Nichts Genaues weiß man nicht, wird man wohl auch nicht so schnell erfahren; denn an die Seite des sogenannten Repräsentanten des Autors (Stuhlmann) trat nach dem Tod von Anaïs Nin noch ihr in den Tagebüchern ebenfalls unterschlagener Lebensgefährte Rupert Pole als Testamentsvollstrecker.

Die genannten sieben Bände, ziemlich prompt ins Deutsche übersetzt, umfassen die Jahre von 1931 bis 1974 – Anaïs Nin starb, vierundsiebzigjährig, an Krebs im Jahr 1977. Weitere vier Bände mit den Aufzeichnungen der Elf- bis Siebenundzwanzigjährigen folgten 1978 ff. Daß im Zusammenhang mit dem fabulösen Tagebuch auch verschiedene schlechte Romane und gezielt avantgardistische Prosa wie "Haus des Inzests" zu Taschenbuchehren gelangten, sei nur am Rande vermerkt.

Was meine ich mit "gezielt" avantgardistisch? Selbst zweisprachig gelesen, ist "Haus des Inzests" ausgedachter Schwulst, den Anaïs Nin vielleicht in Nachahmung der surrealistischen Manier zu Papier gebracht hat, konventionelle Denkweisen durch den Automatismus des Unbewußten zu unterlaufen. Der Text ruft laut: Ich dichte modern – und ist mir ansonsten unverständlich geblieben. Sei’s drum.