Ein Pfund, mit dem das deutsche Fernsehen wuchern könnte, wenn es denn genug davon hätte, sind seine Schauspieler; leider verdirbt die tödliche Routine, die in den großen Sendern alles einzwängt, auch die meisten Akteure. Es sind nur einige, die sich dem Fernsehen stellen und mit heilem Genius davonkommen.

Da wäre Günter Pfitzmann. Seine Art, mit dem Gesicht zu sprechen und den Text zu einer polyphonen Begleitung seiner Mimik umzuwerten, ist einzigartig.

Kommt hinzu, daß der alte Herr trotz langjähriger Fernsehpräsenz immer noch direkt zum Herzen spricht, wenn er die Stirne kräuselt und die Lippen spitzt, so daß es wohl wenige Zuschauer gibt, die nicht wünschten, einen Nachbarn, Opa, Freund oder Mann zu haben, der wie Pfitze ist. Grund genug, dem Star zu seinem siebzigsten Geburtstag einen eigenen Dreiteiler zu widmen.

"Der Havelkaiser" ist eine Familiengeschichte, in welcher der Jubilar als angeschlagener Patriarch - geschäftlich erfolgreich, privat unter den Rädern - beweist, daß am Lebensabend alles erst anfängt. Da sind die Ehen und Karrieren der Kinder zu retten, da ist eine unverhoffte 23jährige Tochter in den Clan zu integrieren, da ist ein Umweltskandal zu verhindern und eine Erbstreiterei beizulegen, und schließlich will der Witwer selbst noch mal neu lieben. So hat er viel zu tun und mit den Mund- und Augenwinkeln zu erklären, zu veralbern, zu betören, so hat er überall dem Guten zum Sieg zu verhelfen - und verfügte der "Havelkaiser" nicht über eine Besetzungsliste, die sich wie ein "Who is who" der überlebenden ausdrucksfähigen TV Schauspieler liest, der Geburtstagsfilm wäre wegen der allzu weihnachtsmännischen Wohltuerei des Protagonisten durchgefallen.

So aber zeigte er, wozu Schauspieler fähig sind, die ihre Kunst beherrschen. Guntbert Warns zum Beispiel, der als alternativer Kleidermacher wenig Gelegenheit erhielt, einen Charakter zu entwikkeln, brauchte nur ein paarmal schüchtern auf des Havelkaisers jüngste Tochter hinzuäugeln, und man wußte wieder, wie Liebe auf den ersten Blick aussieht. Hansi Jochmann und Rolf Zacher waren als verkrachtes Ehepaar, das nicht voneinander loskommt, so verteufelt rührend, daß man Pfitze, der trotz seiner Antipathie gegen den Schwiegersohn selbstlos für einen neuen Start sorgte, die überschießende Güte gern verzieh. Und dann Rosemarie Pendel. Sie ist ein wahres Wunder an Präzision, ist die fleischgewordene Nuance. Hier spielte sie Kaisers gallige Schwägerin, voll begründeter Abneigung gegen den egozentrischen Patron. Und obwohl die Szene, in der beide Frieden schließen, dramaturgisch eher leichtfertig war, geriet sie dank der Darstellungskunst von Pfitzmann und Pendel zu einer selten schönen Minute.

Mißrät ein Fernsehfilm, so müssen stets Autor und Regisseur die Prügel einstekken. Die Mimen können nichts dafür, sie sind Marionetten. Das stimmt auch meist, wenn die Dinge schieflaufen. Daß aber Schauspieler, die keine Marionetten sind, eine bescheidene Story und eine schlichte Regie mehr als wettmachen, daß sie einem rührseligen Familienfilm große Momente abgewinnen und dadurch den Zuschauer bestechen und zum Durchstehen selbst eines Dreiteilers verfuhren können - das lehrte der "Havelkaiser".