Von Wolfgang Gehrmann

Solche Tumulte hat das Amtsgericht Pinneberg vermutlich noch nicht erlebt. Mehrfach läßt der sonst sehr geduldige Richter an den ersten Prozeßtagen den Saal gewaltsam räumen, weil das Publikum mit lauten Parolen die Verhandlung stört. Immer wieder stockt das Verfahren, weil einer der, sechs Angeklagten nicht zum Termin erschienen ist.Abwechselnd fallen die sechs jungen Verteidiger dem Staatsanwalt bei seiner Zeugenbefragung ins Wort, provozieren ihn, hindern ihn, den Tathergang auf seine Weise zu klären. Und noch in den Verhandlungspausen kommt es draußen vor dem Saal zu heftigen Debatten zwischen Staatsanwalt und Angeklagten, Verteidigern und Zuhörern.

Vor dem Richter stehen sechs junge Männer türkischer Herkunft. Ihnen wird Sachbeschädigung, gefährliche Körperverletzung und schwerer Landfriedensbruch zur Last gelegt. Der unruhige Gang der Verhandlung aber zeigt, daß es hier in Wahrheit um mehr geht. Ein zufällig zuständiges Jugendschöffengericht in einer schleswig-holsteinischen Kreisstadt hat es mit einem akuten politischen Problem zu tun: Rechtsradikalismus.

Erst am elften Verhandlungstag herrscht plötzlich eine ganz ungewöhnliche Ruhe im Saal. Die Verteidiger haben gerade wieder einmal die Einstellung des Verfahrens beantragt, weil die Beweisaufnahme eine Täterschaft der Türken nicht erwiesen habe. Dann trägt der Anwalt Johannes Santen den eigentlich wichtigsten Punkt zur Begründung vor. Und es ist spürbar, daß er diesmal sogar den Staatsanwalt beeindrucken kann.

„Dieses Verfahren“, sagt Santen, „ist kein normales Strafverfahren. Hier sind sechs Ausländerangeklagt, die nicht mehr still und tatenlos zusehen wollten, die sich zur Wehr setzen und ihre Würde wieder herstellen wollten. Die Absurdität und der Zynismus, der darin liegt, unseren Mandanten einen Landfriedensbruch vorzuwerfen, ist offenkundig. Welchen Frieden gegenüber wem sollen unsere Mandanten gebrochen haben? Den Frieden, den faschistische Organisationen in diesem Land angerichtet haben und nach wie vor weitgehend ungehindert gegen Ausländer, Juden und andere verbreiten? Den Frieden, der ihnen von Staats wegen zugefügt wird“, fragt der Anwalt bissig, „indem sie so fürsorglich gegen rassistische Angriffe geschützt werden?“

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In der Nacht vom 22. auf den 23. November 1992 zündeten die Jungnazis Lars Christiansen und Michael Peters in Mölln, vierzig Kilometer von Hamburg entfernt, zwei Häuser an, in denen türkische Einwanderer wohnten. Die Mutter und zwei Mädchen der Familie Arslan starben im Feuer. Anfang Dezember 1993 verurteilte das Oberlandesgericht Schleswig Christiansen wegen dreifachen Mordes, versuchten Mordes in 39 Fällen und besonders schwerer Brandstiftung zu zehn Jahren Jugendstrafe, Peters zu lebenslanger Freiheitsstrafe.