Von Iris Radisch

er Schluß ist bekannt. Ein Auto, Marke Facel Vega, Nationalstraße 5, Burgund, Frankreich, ein geplatzter Reifen, ein Baum, zwei Tote. Als Albert Camus am 4. Januar 1960 in den Trümmern des Wagens von Michel Gallimard stirbt, fliegt eine schwarze Ledermappe in den Dreck. Darin befinden sich Shakespeares "Othello", Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft", ein Reisepaß, ein Tagebuch und ein Romanmanuskript – 144 handgeschriebene Seiten, ohne Punkt und Komma: "Der erste Mensch", der wichtigste, der letzte Roman von Albert Camus, das Buch, zu dem alle anderen Bücher nur Vorstudien sein sollten. Es war dem wichtigsten Menschen in seinem Leben gewidmet: seiner Mutter.

Das Buch ist nicht fertig, als der Wagen am 4. Januar gegen den Baum knallt, das letzte Kapitel fehlt, der Text ist nicht überarbeitet, die Figuren tragen wechselnde Namen, am Rande ist vermerkt, was noch zu tun ist: "Entwicklung des Krieges ab 14" etwa oder "Was wir gegessen haben ..." oder "Namen des Werkzeugs überprüfen" oder "Ergänze die Anzeichen der Armut" oder "Onkel Ernest porträtieren, bevor er ins Zimmer kommt ... oder danach". Kleinigkeiten. Manches hätte Camus vermutlich gestrichen, manches ergänzt, manches war nicht zu dechiffrieren. Im ganzen ist das Buch auch in dieser Fassung eine Sensation, es sollte die Krönung seines Werks sein, bedeutender und kühner als die Romane "Die Pest", "Der Fremde" und "Der Fall". Dennoch wurde es 34 Jahre lang nicht veröffentlicht. Die Witwe hat es nicht gewollt. Robert Gallimard, René Char, die Freunde Jean und Roger Grenier, die das Manuskript kannten, haben sie darin unterstützt: Die Zeit war nicht danach, man fürchtete, die heftigen Angriffe gegen Camus zu befeuern. Camus selbst, glaubte man zu wissen, hätte dieser Publikation nie zugestimmt, er wollte das meiste wieder vernichten, neu anfangen. Die Camus-Renaissance der letzten Jahre hat die Tochter ermutigt, den Roman fünfzehn Jahre nach dem Tod ihrer Mutter zu veröffentlichen. Vor wenigen Tagen ist "Der erste Mensch" in Paris zum ersten Mal erschienen.

Es geht um die Kindheit eines Nobelpreisträgers in der Rue de Lyon in Algier. Es geht um das Paradies, das er verlassen hat, um den Nobelpreis zu erschreiben. Es geht darum, daß er mit diesem Buch in das Paradies zurückkehren will. Es geht um das kahle Zimmer einer stummen Mutter. Es geht um Heimkehr.

"Der erste Mensch" ist eine Autobiographie, der Roman einer Kindheit wie "Die Wörter" von Sartre, wie "Kindheit" von Nathalie Sarraute, wie "Mannesalter" von Michel Leiris – und doch ganz anders. Denn nicht vom Abschied von der Kindheit, vom Erwachsenwerden, vom Ausgang aus der Unmündigkeit ist die Rede, sondern von Ankunft, von Rückkehr. Rückkehr in die Hitze Algeriens, Rückkehr in die Armut, die Unschuld, die Entmündigung, die Einfachheit – im Tagebuch der letzten Lebensjahre spricht Camus von der "natürlichen Schönheit", die der industriellen Revolution geopfert wurde. Der Roman soll vom Unbehagen an der Kultur erzählen. Er soll seinen Helden in das Mutterland der Vorzivilisation, in den Garten Eden der Armen, der Passiven, der Duldsamen zurückführen. Er soll seinen Autor erlösen. Sein ursprünglicher Titel war "Adam".

Mit 22 Jahren hat Camus schon einmal über seine Kindheit in Afrika geschrieben, über die karge Vollkommenheit in leeren heißen Zimmern, über die absurde Einfachheit der Welt, über die Mutter, stumm, immer aufrecht auf einem unbequemen Stuhl, ein Taschentuch in den knotigen Händen. Kleine Erzählungen, voll kläglicher Unterhaltungen, voller Worte, die so zäh und gleichgültig tropfen wie die Stunden in der Kindheit. "Licht und Schatten" hieß der Band, der 1937 in Algier erschienen ist. In einem Vorwort zur Neuauflage im Jahr 1958 schreibt Camus, daß es in diesen Zimmern um die Dinge ging, die das Leben ausmachen. Er behauptet, daß seine gesamte Arbeit vergeblich war, wenn es ihm nicht gelingt, dieses erste Buch noch einmal zu schreiben. Er ist sicher, daß er sein "Leben lang nichts erreicht haben" wird, solange er das Buch seiner Kindheit nicht vollendet hat. Denn er weiß "doch wenigstens eines mit unumstößlicher Gewißheit, daß nämlich ein Menschenwerk nichts anderes ist als ein langes Unterwegssein, um auf dem Umweg über die Kunst die zwei oder drei einfachen, großen Bilder wiederzufinden, denen sich das Herz ein erstes Mal erschlossen hat".

"Der erste Mensch" soll diese Erwartungen einlösen. In den "Mittelpunkt" dieses entscheidenden Werks, schreibt Camus, wird er "wiederum das bewundernswürdige Schweigen einer Mutter stellen und das Bemühen eines Mannes, eine Gerechtigkeit oder eine Liebe wiederzufinden, die diesem Schweigen die Waage hält". Das letzte Buch soll die Träume des ersten verwirklichen, soll die Ernte des ganzen Lebens einholen, soll Mann und Werk endlich nach Hause, zur Mutter zurückbringen. Endstation Mama, Afrika.