Von Benjamin Henrichs

Das deutsche Drama, als Fußballspiel betrachtet: Welche Rolle hat darin Klaus Pohl? Er ist kein genialer Spielgestalter wie Peter Handke. Kein Kopfball-Ungeheuer wie Thomas Bernhard. Kein leichtsinniger Libero wie George Tabori. Kein emsiger Arbeiter im Mittelfeld wie Tankred Dorst. Kein Brecher von links wie Franz-Xaver Kroetz, kein Fummler von rechts wie Botho Strauß. Und auch kein Grätscher, Treter, Fehlpaßkönig wie Rolf Hochhuth.

Nichts von alledem ist Klaus Pohl. Was und wer aber ist er dann? Pohl ist der Spieler, der sich furchtlos in jedes Getümmel stürzt. Der keine Angst hat, sich ein schmutziges Trikot oder auch eine blutige Stirn zu holen. Kein großer Techniker, kein Schönspieler ist er – aber ein tapferer Wühler. Einer, der jede Partie wagt und keine vor dem Abpfiff verloren gibt.

Pohl schreibt die Stücke fürs Theater, die sonst keiner schreiben mag, obwohl doch alle danach rufen. Die knallharten, die brandaktuellen Sachen. Ein Stück über die alten Nazis („Das Alte Land“), ein Stück über die neuen Nazis („Die schöne Fremde“), ein Stück über die Wiedervereinigung („Karate-Billi kehrt zurück“), ein Stück über das absurde Theater des Kreditgewerbes („Heißes Geld“): Pohl sucht sich seine Themen nicht in wolkiger Ferne oder in den Tiefen des Mythos, sondern in Bodennähe, gleich nebenan. So wie es früher den Typus des „Straßenfußballers“ gab, so ist Klaus Pohl heute Deutschlands führender (oder gar einziger?) Straßendramatiker.

Ein Mann, kurzum, mit Mannesmut und Leidenschaft. Die ideale Forderung der deutschen Fußballtrainer („Männer, ihr müßt brennen!“) erfüllt Pohl bedingungslos. Seine Stücke brennen immer – auch wenn der Autor mal kein Brennholz hat.

Nun also der Fußball: wieder so ein Thema, um das die höhere Theaterkunst ängstlich einen Bogen macht, sieht man von einem munteren Versuch des Schauspielers Wolf-Dietrich Sprenger („Null zu Null oder Die Wiederbelebung des Angriffsspiels“, 1981) einmal ab. Dieses Zaudern der dramatischen Branche ist eine Schande, führt man sich die überragende Rolle vor Augen, die der Fußball im gesellschaftlichen und geistigen Leben dieser Republik spielt. Einerseits.

Andererseits ist die Höllenangst der Stückeschreiber vor dem Fußball auch verständlich, wenn man an die dramaturgischen Komplikationen des Themas denkt. Einen Boxkampf kann man auf der Bühne darstellen, notfalls sogar einen Krieg (mit Hilfe von Pappschwertern, Blechrüstungen und Plastikgedärm), eine Fußballschlacht aber nicht. Ein Traumpaß über fünfzig Meter, zum Beispiel, entzieht sich zur Gänze der sonst so bewährten Stanislawski-Methode. Höchstens das Elfmeterschießen ließe sich (auf einer geräumigen Stadttheaterbühne) einigermaßen befriedigend simulieren.