Ein Rührstück. Zum Lachen. Gefühlsstarke Rückblenden wie im Boulevardtheater und im Kintopp. Reportagen, Botenberichte, Mauerschauen. Dem Elend des Fußballdramas (nie den Ball spielen zu können, immer nur vom Ball zu reden) entkommt auch Pohl naturgemäß nicht. Sein Stück ist gejagt von schriftstellerischer Hast, geplagt vom Formenwirrwarr. Und wenn es, mitten unter fränkischen Fußballmenschen, plötzlich Brecht- und Fleißer-Töne anstimmt, wenn ein braves Mädel sogar Büchner beschwört ("Ich möcht nur immer hinfassen und die Gesichter herunter ziehen und schauen, was drunter ist"), sind das literarische Steilpässe ins Nichts, Fouls gegen Verblichene.

Trotzdem: Mit viel Schwung, noch mehr Sentiment und leider etwas weniger Witz macht Pohl (Genie oder mittleres Talent?) manchen Rückstand wieder wett. Endlich schießt das Theater Tore! Und nur ein Kleinkrämer wird die Eigentore zählen.

Aber ach, aber Essen! Einstmals Stadt der Schauspiel- und der Fußballkunst! Stadt Helmut Rahns und Heinz Rühmanns! Seit vielen Jahren schon ist alles hier (ob Schauspiel oder Fußballspiel) tiefste zweite Liga. Niemand kann etwas dran ändern, kein Heyme und kein Bosse, nimmermehr.

"Manni Ramm", die Uraufführung: Bosse macht Tempo (viele Striche!) und Krach (sieben Musikanten, als Polizisten kostümiert). Das Scheinwerfergerüst über der Szene hat die Form eines Fußballtors. Von der Bühne (Wolf Münzner) führt eine Rampe steil hinauf ins gleißende Stadionlicht.

Bosse macht das Stück platt. Die Fußballfarce, das Melodram, die deutsche Künstlertragödie als Groteske: alles eingeebnet zu einer forschen kabarettistischen Revue, zum kritischen Jugendtheater für kindische Erwachsene. Ein paar Traum- und Slapstickszenen, immerhin. Aber (wovon das Melodram doch lebt!) keine Gesichter auf der Bühne, keine Schicksale. Kein Fußballfieber, Fußballpathos. Michael Schütz spielt den Titelhelden sympathisch, kernig, bieder, als provinziellen Doppelgänger von Lothar ("Laber-Lothar") Matthäus – wenig ist zu sehen von Mannis Aufstiegsrausch und Größenwahn, von Elend und Delirium des stürmenden Menschen.

Die schöne Managerin (Karin Schroeder) ist leider nicht Frankenlands eiskalter Engel, sondern begnügt sich mit der sattsam bekannten & bewährten falschblonden Bardamen-Erotik. Nur Holger Schreivogel, der Trainer (Matthias Kniesbeck), ist eine wahrhaft leidende, also angemessen lächerliche Person: ein Brüller aus Lebensangst, ein Macher mit Magenkrämpfen, ein Gespenst der schönen Fußballkunst.

Am Ende sitzt der alte Ramm (Thomas Goritzki) in seiner Kneipe, die Zunge wird ihm schwer, der Schädel sinkt aufs Bierglas. Ramms letztes Spiel ist auch ein Nachspiel zu Krapps letztem Band. Die Funzel über Mannis Kopf wird trüber und trüber. Das Licht erlischt. Das Spiel ist aus.

"Der Fußball", so befand der Dichter Handke in einem seiner unsterblichen Sinnsprüche, "der Fußball hat eine Seele." In Essen bestand der Fußball aus viel Leder und viel Luft. Seine Seele wurde nicht gesehen. Hi-Ha-Ho!