UELZEN - Fern von zu Hause, dem Fernmelderegiment 71 in Osnabrück, betrieb eine kleine Luftwaffeneinheit in den wendländischen Wäldern nahe der Elbe jahrzehntelang militärische Aufklärung. In Neu Tramm bei Dannenberg überwachten Soldaten im östlichsten Zipfel der alten Bundesrepublik den Funkverkehr des Warschauer Paktes gleich nebenan. Damit ist jetzt Schluß, das Lager im Wald wurde zum 1. April dichtgemacht.

Was mit den Anlagen passieren soll, beschäftigt zur Zeit die Phantasie von Kommunalpolitikern und Verwaltungsbeamten. Die Staatsanwaltschaft in Stade und die Kriminalpolizei in Uelzen kümmern sich schon jetzt um einen ganz besonderen Teil der Hinterlassenschaft Über eine Million Mark wurden bei Sanierungsarbeiten vor drei Jahren in luxuriöse Ausbauten und Einrichtungen gesteckt. Viel zu aufwendig, fand die Oberfinanzdirektion in Hannover.

Nicht nur das. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Vorteilsnahme und Bestechung gegen mehrere Baufirmen und Beamte des Staatshochbauamtes in Uelzen. Gegen Entgelt sollen die Baubeamten dafür gesorgt haben, daß die Aufträge für die Firmen üppiger ausfielen als eigentlich nötig und genehmigt. Das Geld für die überteuerten Einrichtungen, die von der zuständigen Wehrbereichsverwaltung in Hannover nicht genehmigt waren, besorgten sich die staatlichen Bauplaner widerrechtlich aus den Pauschalen, die jedem Bundeswehrstandort jährlich zu Unterhaltszwecken zur Verfügung gestellt werden. Für 500 000 Mark sollte zum Beispiel der Speisesaal saniert werden. Am Ende kostete das Vorhaben 1 7 Millionen Mark. Dafür sorgt jetzt ein großer Kamin für gemütliche Wärme, erstrahlen vier Kronleuchter zum Stückpreis von 28000 Mark. Eine Feuertreppe avancierte zum repräsentativen Aufgang, ganz in Tropenholz, mit eingebauter Beleuchtung des Handlaufs. Ein ehemaliger Lokschuppen sollte mit 50 000 Mark vor dem Verfall bewahrt werden. So war es genehmigt. Als abgerechnet wurde, stand dort ein Mannschaftsheim für 400 000 Mark, ebenfalls mit Kamin, Fußbodenheizung und benachbarter Luftgewehrschießanlage für gesellige Herrenrunden.

Den Anschein zivilen Wohllebens hatte sich die Kaserne in Neu Tramm schon immer gegeben, wenn auch nur zur Tarnung. Als sich in den letzten Kriegstagen 1945 amerikanische Soldaten durch die Wälder der Ostheide kämpften, stießen sie auf ein schmuckes Rundlingsdorf mit Fachwerkhäusern. Zu ihrem Erstaunen entpuppte es sich als Militäranlage, zudem bis zum Rand gefüllt mit dort montierten Vl Raketen. Viel später dann traf sich die bessere Gesellschaft des Landstrichs auf Einladung der Bundeswehr zu festlichen Bällen im Speisesaal der Kaserne.

Die luxuriösen Einbauten sollten noch lange zur Ballatmosphäre beitragen. Neu Tramm war als Bodenstation des Fernaufklärungssystems Lapas vorgesehen. Ausrüstungen im Wert von 262 Millionen Mark liegen original verpackt in den Depots der Bundeswehr. Als Lapas zu Grabe getragen wurde, war auch das Ende für den Militärstandort Neu Tramm gekommen, zwei Jahre nach der teuren Sanierung.

Im Herbst, wenn alle Aufräumungsarbeiten beendet sind, wird der letzte Soldat den vorgeschobenen Horchposten de Luxe verlassen haben.