Von Karl-Heinz Janßen

Wenn es morgens um 6.32 Uhr an der Haustür klingelt, ist es auch in unserem freiheitlichen Rechtsstaat nicht immer der Telegrammbote. Den Mieter in der Godesberger Ubierstraße 107, einem unauffälligen Mehrfamilienhaus, riß es aus bleiernem Schlaf. Er hatte eine nervenaufreibende Osterspritztour nach Südfrankreich hinter sich, war in einem Ritt von der Côte d’Azur nach Bonn zurückgerast, die Observanten der französischen Geheimpolizei auf den Fersen. Zuletzt konnte er doch durchatmen – anders als auf der Hinreise im Dunkeln waren ihm Autos mit Kölner Kennzeichen, also die Männer vom Verfassungsschutz, nicht gefolgt. Man hatte ihn bei keinem Agententreff erwischt; das Versteckspiel konnte weitergehen. Mißmutig zog er sich den Bademantel über den Schlafanzug und schritt barfuß zur Wohnungstür. Ein paar Männer und eine Frau standen davor: "Sind Sie Herr Günter Guillaume?" – Der untersetzte, etwas rundliche Herr mit dem Bürstenhaarschnitt, der ihn jünger als seine 47 Jahre aussehen ließ, fühlte sich in seinem Aufzug unbehaglich, fast wie nackt: "Ob man will oder nicht, die Persönlichkeit (ist) schutz- und wehrlos preisgegeben einem anonymen Überfall aus der Außenwelt."

Für einen Moment war der Spion aus Ost-Berlin nicht Herr der Situation. Leise, wie es seine Art war, sagte er nur: "Ja, bitte?" – "Wir haben einen Haftbefehl des Generalbundesanwalts!" Und schon drängten sie ihn zurück, umringten ihn. Hinten im Flur, durch den Lärm geweckt, lugte der siebzehnjährige Pierre Guillaume durch einen Türspalt. Dies gewahrend, fand der Vater seine Haltung wieder. Er rief den ihn bedrohenden Kriminalbeamten ins Gesicht: "Ich bitte Sie! Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das!" Für ihn war es ein Befreiungsschlag. Hauptmann Guillaume, ein ObE, "Offizier im besonderen Einsatz" der Hauptverwaltung Aufklärung des Staatssicherheitsdienstes der DDR, zeigte sich der militärischen wie auch der kommunistischen Tradition ebenbürtig. So wie er hatten auch andere Spione bei der Verhaftung auf ihre Offiziersehre gepocht, zum Beispiel Leopold Trepper, der Chef der "Roten Kapelle".

Und doch hatte er, wie ihm und seinem Chef, General Markus Wolf, nur zu bald klar werden sollte, gerade den gröbsten Fehler seiner Laufbahn begangen: Er hatte ein Geständnis abgelegt. Denn mehr als Indizien hatten die westdeutschen Spionenjäger nicht in der Hand. Fast ein Jahr wurden erst seine Frau, dann er observiert; aber beide taten ihnen nie den Gefallen, sich auf frischer Tat ertappen zu lassen. Länger zuwarten wollte aber der Generalbundesanwalt nicht. Schließlich war Guillaume kein Feld-, Wald- und Wiesenagent, sondern Persönlicher Referent im Stabe des Bundeskanzlers Willy Brandt. Der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Günter Nollau, sah keine Alternative, als den Verdächtigen zu vernehmen und seine Wohnung zu durchsuchen. Er riskierte einen Mißerfolg – ohnehin mußte die Polizei drei andere Verhaftete, vermeintliche Mitglieder eines vermuteten Agentenringes, wieder laufen lassen.

Die Sensation war perfekt. Der östliche Geheimdienst hatte die ungeheuerliche Frechheit gehabt, dem Kanzler der Ostpolitik, dem Friedensnobelpreisträger, dem Repräsentanten des anderen, besseren Deutschlands einen Spion ins Haus zu setzen. Betroffenheit rundum, bei der Opposition nicht frei von Schadenfreude.

Willy Brandt, immerhin seit Mai 1973 vorgewarnt, erfuhr die Hiobsbotschaft an diesem 24. April 1974 erst, als er, zurück von einem Besuch in Nordafrika, in Wahn aus dem Flugzeug stieg. Es stimmte also doch, was er die meiste Zeit nicht hatte wahrhaben wollen. "Was sind das für Leute", schrieb er zornig in sein Tagebuch, "die das ehrliche Bemühen um den Abbau von Spannungen – auch und gerade zwischen den beiden deutschen Staaten – auf diese Weise honorieren?"

Brandt war nicht in der besten Form, nicht nur, weil er sich in Ägypten einen Magen- und Darmvirus eingefangen hatte und außerdem fürchterliche Zahnschmerzen bekam. Seit Monaten kriselte es in der Regierung, die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich zusehends, und der Kanzler, der sich lieber in der Außenpolitik bewegte als auf dem Felde der Innen- und der Konjunkturpolitik, ließ Führungsstärke vermissen. Trotzdem wollte er sich noch einmal aufraffen, es doch packen. Die Spionageaffäre schüttelte er zunächst einfach ab.